Kulturmagazin «saiten», März 2007


Ich male auch
Clown Pic malt während der Proben für seine Zikusnummern und auf Tournee. Nun stellt er sie zum ersten Mal aus. Ein Atelierbesuch.

Er ist der Clown mit den Seifenblasen, die das Zirkuszelt oder die Theaterbühne verzaubern. Er sei ein poetischer und philosophischer Clown, heisst es immer wieder. Was bisher nur wenige wussten: Clown Pic, der mit dem Schweizer Nationalcircus Knie und mit dem Circus Roncalli unterwegs war, hat zuerst gemalt und ist erst später auf der Bühne und in der Manege aufgetreten. Seit er fünf ist, malt er. Sein Vater war Kunstmaler. Und als Kind hielt sich der spätere Zirkusartist oft in Vaters Atelierräumen auf; er sah dem Vater beim Verfertigen eines Ölbilds an der Staffelei zu und begann selber, neben seinem Vater auf dem Atelierboden sitzend, mit Wasserfarben zu malen. Sein erstes Bild verkaufte er im Alter von fünf Jahren: Als das Zelt des Schweizer Zirkus Pilatus bei einem Sturm zerstört wurde, fand eine Geldsammlung für ein neues Zirkusdach statt. Der Junge, der kurz zuvor zum ersten Mal gerade in jenem Zirkus sich von einem Clowntrio hatte begeistern lassen, malte unter diesem Eindruck ein Clownbild, das der Vater im Schaufenster seines Ateliers in der St.Galler Altstadt ausstellte.

Keine Angst

Kindergärtnerin Fräulein Gutknecht – wie sie mit Vornamen geheissen hat, weiss Pic heute nicht mehr – hat ihm vor Jahren mit der Post Bilder zugeschickt, die er im Kindergarten gemalt hatte. Sie hatte sie aufbewahrt, weil sie fand, das Kind könne so gut malen. Mehrmals wurde Pic in den letzten Jahren von befreundeten Galeristen angefragt, ob er seine Bilder bei ihnen ausstellen würde. Jetzt ist es so weit: Kurz vor Ausstellungsbeginn stehen seinem Atelier rund hundert Bilder. Ob er Angst habe, erstmals als Maler auszustellen, frage ich ihn. «Es reicht, wenn ich vor jedem Auftritt auf der Bühne oder im Zirkus Angst habe», sagt er. Ob es nicht unbescheiden sei, die Bilder auszustellen? «Ich könnte gar nicht im Zirkuszelt vor 2000 Zuschauern auftreten, wenn ich nur bescheiden wäre», sagt der Clown, der in den letzten Monaten rund 100 Bilder aus den vergangenen 30 Jahren für die Ausstellung ausgewählt hat.

«In meinen Papieren steht die Berufsbezeichnung 'Artist'», sagt er. Pic ist nicht nur Mime und Clown. Er hat Geschichten veröffentlicht, die Geschichte vom Jungen am Klosterplatz in St.Gallen ist in seiner Ausstellung zu sehen. «Ich male auch», sagt der Kunstinteressierte, den man häufig an Kunstausstellungen antrifft. In der offiziellen Biografie steht: «Zwischen den Tourneen malt er». Sein erster erlernter Beruf war Lehrer. Und um Zeichenunterricht erteilen zu können, hat er seinerzeit noch an der Ausbildungsstätte für Sekundarlehrer die Weiterbildung zum Zeichenlehrer absolviert. In seinem Probenatelier in St. Gallen malt er. Hier sind seine Farbtöpfe und -tuben, hier sind die grossformatigen Bilder entstanden. Während der langen Tourneen hat er kleine Formate bearbeitet, denn im Zirkuswagen fehlte der Platz für Grosses. Im Du Mont Verlag hat er vor Jahren eine Sammlung von Ansichtskarten veröffentlicht, seine Clownbilder. 25 000 Exemplare betrug die Auflage. Und sie ist schon lange vergriffen.

Von der Bühne aufs Blatt

Nicht alle seine Bilder, zumeist sind es Aquarelle, haben einen Titel. Aber anhand der Papiere, auf denen er gemalt hat, weiss er, wann er die Bilder gemalt hat: Da sind zum Beispiel jene farbenfrohen Bilder auf grobem Packpapier, das er während einer Deutschlandtournee in den frühen 80er Jahren im Warenhaus Woolworth gekauft hat, weil es so gefaltet war, das es gut Platz fand im Wohnwagen. «Ich habe lange nicht auf die Papierqualität geachtet, weshalb manche Blätter etwas verzogen sind, was mich aber nicht gestört hat». Bilder verkauft hat er bis anhin noch nicht, aber verschenkt hat er einige Bilder, an Freunde. Seine Bilder sind Geschichten, immer wieder witzig und hintergründig, Geschichten, die jenen ähneln, die er auf der Bühne oder in der Manege erzählt: Geschichten von schwachen Menschen, die so sind wie wir alle. Manche Figuren, die seine Bilder bevölkern, kennt man von seinen Auftritten her: Der weisse Clown und die Auguste, der Schwarzmaskierte mit dem Vogelgesicht, der «Mann mit Runzel». «Alfons, etwas fehl am Platz» ist ebenso wie «Claude» und «Fernande» oder «Sophie, manchmal am Morgen» eine jener Figuren, die Pics Personal auf der Bühne ausmachen könnten. Gewisse Bilder erinnern immer wieder an seine Arbeit als Regisseur, Clown und Mime, es sind jene Bilder, mit denen Pic die Abfolge seiner Auftritte oder eines ganzen Zirkusprogramms bei Roncalli aufgezeichnet und gemalt hat, Bilder, in denen auch kurze Titel und Texte vorkommen. «Das Malen und Zeichnen war stets eine Möglichkeit, mich mit dem Clown und anderen Figuren, die in meinen Programmen auftreten, auseinanderzusetzen. Eine Idee festzuhalten oder eine Choreografie zu finden, gelang manchmal besser mit dem Zeichenstift oder Pinsel als in Worten.»

Tagtäglich übt Clown Pic seine Nummern im Atelier. Und immer wieder malt er zwischen den Proben. Auf das Malen bereitet er sich nicht vor, er fängt einfach an. «Das Eintauchen in Farben ist ein wunderbarer Ausgleich zu den aufreibenden Theater- und Zirkustourneen. Manche Geschichten oder Gefühle, Empfindungen und Erinnerungen, die ich nicht auf die Bühne bringen kann, lassen sich auf dem Papier festhalten. Es gefällt mir, dass den Aquarellen und Bleistiftzeichnungen das Leichte und Flüchtige eigen ist und ich schätze am Umgang mit Pinsel und wässriger Farbe die Unmittelbarkeit und das Archaische, die Möglichkeit zum direkten Niederschlag innerer Bewegung.» Viele seiner Bilder sind in den letzten zwei Jahren entstanden, in jener Phase zwischen den grossen Tourneen, da er sich dazu entschieden hat, sein Winterquartier über mehrere Jahreszeiten in St. Gallen und mit seiner Tochter aufzuschlagen, bis sie im kommenden Sommer ihre Matur absolviert haben wird.


Die Ausstellung der Bilder von Pic findet vom 9. März bis zum 15. April 2007 im Ausstellungssaal des Regierungsgebäudes des Kantons am Klosterplatz in St.Gallen statt.
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