Sonderheft «Stadt- und Medienhaus Chur» der Architektur- und Designzeitschrift «hochparterre», Zürich, Juni 2006


Radio- und Fernseharbeit auf offener Stadtbühne

Die Arbeit von Moderatoren und Journalisten in den neuen Studios von RTR wird inszeniert. Architektur und neue Organisationsformen machen es möglich.

An der Strassenfront die grossen Fensterflächen in grüner Tönung, dahinter ausgreifend geschwungene, weisse Sendepulte, weite rote Teppichflächen, an der Wand Lüftungsauslässe hinter silbrigen Verschalungen, die Lautsprechern alter Radios aus den 50er Jahren gleichen, Decken mit schallreduzierenden Akustikelementen, die wie Stalaktiten aussehen: Das sind in den neuen Studioräumen des rätoromanischen Radios und Fernsehens in Chur die Bühnen, auf denen heute Radio- und Fernsehsendungen gemacht werden. Gut von aussen einsehbar, einer Inszenierung am gegenüber liegenden Stadttheater gleich, sind die Moderatorinnen und Sprecher stehend bei der Arbeit an den Sendepulten zu sehen. Weiter hinten im Raum befinden sich die Redaktorinnen und Redaktoren, die an ihren Schreibtischen die Informationssendungen konzipieren. Hier, wo Sendungen geplant und gemacht werden, wo Sätze formuliert und Bilder zusammengesetzt werden, liegen im neuen Medienzentrum die warmen roten Teppiche: Der Kreativität der Medienleute wird in Churs neuem Medienhaus der rote Teppich ausgebreitet. Und dort, wo in den oberen Stockwerken die Verwaltung arbeitet, wurden grüne Linoleumböden gelegt. In den Korridoren und Treppenhäusern fallen die grauen Natursteinböden auf, es sind nicht grosse Platten, die sich aneinanderreihen, sondern Natursteinplatten, die durch mehrfache Schrägschnitte in Längs- und Querrichtung geteilt wurden und deren überbreite Fugen mit Mörtel ausgegossen wurden. Die Treppenhäuser wie Raumskulpturen angelegt in strahlendem Weiss, die Handläufe in glänzendem Schwarz: Abgestufte Weiss-, Grau- und Schwarztöne prägen die Haupterschliessungsbereiche des Gebäudes.

Gegen aussen im abgeschlossenen Hofbereich liegt das «ala» oder auch «Flügel» genannte Zwischengeschoss: Ein riesiger Raum, ein grosses Atelier mit den Bereichen, in denen Radio- und Fernsehsendungen geplant und gemacht werden. Eine Wendeltreppe verbindet die einsehbaren Arbeitsräume im Erdgeschoss mit dem Produktionsbereich in der «ala» im ersten Obergeschoss. Licht spielt eine wichtige Rolle in der Innenarchitektur des Gebäudes: Die von der Strasse her sichtbaren Sendepulte werden mit Leuchten von oben und von unten angestrahlt: Man soll die Moderatoren bei ihrer Arbeit gut ausgeleuchtet sehen können. Das Licht in der «a la», das von oben kommt, wird reflektiert und ermöglicht auch jenen Arbeitsplätzen, die am weitesten entfernt von den Fenstern liegen, gute Lichtverhältnisse. Zudem sind in den oberen Stockwerken Deckenleuchten montiert, welche die Architektin Silvia Staufer und der Lichtdesigner Charles Keller gemeinsam entwickelt haben.

Umzug aus der Enge

Kleine Büroräume, enge Studios, ein im Innern verschachteltes Gebäude aus den 70er Jahren mit Fenstern, die wie Schiessscharten einer Bürofestung aussahen, ein Bau, der von aussen wie der Sitz einer Versicherungsgesellschaft wirkte: Das war bis Frühling 2006 das Domizil der Radio e Televisiun Rumantscha. Ein Haus zu eng, ein Bau, in dem keine Nachbarschaft jener Medienleute geschaffen werden konnte, die miteinander arbeiten sollten. Und weil der Platz nicht ausreichte, waren zudem die Fernsehstudios an der Stadtperipherie in einem Gewerbe- und Autogaragenquartier untergebracht: Eine Lage, die für die Anfahrten zur Autobahn ins Oberland zwar ideal war, aber weit weg vom Stadtzentrum, von den Kolleginnen und Kollegen vom Radio, vom kantonalen Parlament und von den Regierungsämtern. Medienleute, die für Radio oder Fernsehen an denselben Themen und in zwei Häusern arbeiteten, sahen und kannten sich kaum, waren nicht miteinander im Gespräch.

Der Neubau bringt der RTR nicht nur neue Räume und eine neue Identität, sondern auch neue Strukturen. Erstmals arbeiten Radio- und Fernsehleute in der Schweiz in einem Studiogebäude unter einem Dach, erstmals planen Redaktoren zweier Medien ihre Sendungen in gemeinsamen Räumen. Da sollen Synergien entstehen, das bringt neue Kooperationen mit sich. Anders als früher sind jetzt alle Radio- und Fernsehmacher im Stadtzentrum und in einem Bau, in offenen und unkonventionell konzipierten Räumen untergebracht. Sendepulte in Radiostudios waren bis anhin weder in Chur noch in anderen Studios als Schaumöbel konzipiert. In Chur, wo sich die Medienarbeit nach aussen der Öffentlichkeit präsentiert, ist das anders, denn hier wurden aus Möbeln, die mit Technik voll bepackt sind, visuell wirksame Komponenten erstellt. Architektin Astrid Staufer, die für den Innenausbau zeichnet, hatte sich im Hinblick auf die Präsentation der Arbeitsplätze der RTR im Tessin und in Zürich bestehende Sendestudios angeschaut, um Lösungen für die Churer Studios zu finden. Radio und Fernsehen rätoromanischer Sprache zeigen sich, sie präsentieren sich heute mit einem aufrechten Gang, wirken publikumsnah. Mit den neuen Studios sollen auch die TV-Sendezeiten nach und nach ausgedehnt werden, wird ein eigener Sendekanal angestrebt. Das gehört zum offensiven Geist im Medienhaus der RTR.

Bei der Arbeit ausgestellt sein

Rita Uffer, Moderationsleiterin beim Radio, meinte drei Monate vor der Arbeitsaufnahme in den neuen Räumen: «Die Moderatorinnen und Moderatoren werden hinter der grossflächigen Fensterfront exponierter sein als bisher. Vielleicht wird man sich anders anziehen, weil man ausgestellt ist. Und weil man sich fast im Strassenraum befinden wird, wird man gewiss bei der Livemoderation mehr auf das Geschehen auf der Strasse, auf das Wetter Bezug nehmen. Sicher wird die Zusammenarbeit zwischen Redaktoren und Moderatoren viel enger sein.» René Spescha, Fernsehredaktor und Produzent, meinte vor dem Bezug der neuen Studios: «Unsere Aufgaben werden nach dem Umzug nicht grundsätzlich andere sein, aber wir werden sicher die Themen mit den Leuten vom Radio intensiver koordinieren, manchmal auch gemeinsam angehen». Clà Schur, Radiomoderator, freute sich zwei Monate vor dem Einzug ins neue Gebäude auf den neuen Arbeitsort: Hier werde der Kontakt zwischen den Nachrichtenredaktoren und den Moderatoren des rätoromanischen Radios enger sein, denn im Medienhaus werden sie nicht mehr wie bisher durch zwei Stockwerke getrennt sein, sondern von Angesicht zu Angesicht arbeiten können: «Wir werden mehr voneinander wissen und werden voneinander profitieren. Das wird lebendigeres Radio und aktuellere Sendungen mit sich bringen». Befragt, ob er sich nicht am Sendepult direkt am Trottoir ausgestellt fühlen werde, gibt er zur Antwort: «Ich finde das schön, wenn wir Moderatoren ausgestellt sind, wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer uns sehen. Der Stimme, die man sonst nur hört, kann man dann auch ein Gesicht zuordnen. Draussen auf dem Trottoir vor den hohen Fenstern wird man uns über Lautsprecher hören können. Man wird sehen können, dass uns das Moderieren Spass macht. Wir werden näher beim Publikum sein, man wird morgens gewissermassen mit uns den Tag beginnen.»

Sara Hauschild, Radiomoderatorin, freute sich Monate vor dem Umzug bereits auf die neuen Räume: Hier werde man sich austauschen können, werde mitbekommen, woran Kolleginnen und Kollegen gerade seien, die Zeit, da man in einem kleinen Büro hinter verschlossener Tür gearbeitet habe, sei vorbei. Radioredaktorin Georgina Janki meinte ein halbes Jahr vor dem Umzug: «Am neuen Ort werde ich alle meine Kollegen sehen, die im Bereich der Tagesaktualität arbeiten, auch die Fernsehleute und die Moderatoren. Das wird ein ganz neues Arbeiten sein, wo wir im alten Haus manchmal nicht einmal unsere Radiokollegen sehen, die in ihren Büros auf einem anderen Stockwerk an der Arbeit sind».

Radio und Fernsehen gemeinsam

Der Chefredaktor im Haus ist neu gleichzeitig zuständig für Radio und Fernsehen. So sieht es das neue Konzept der Nähe vor. Das muss eingeübt werden, denn das gibt es vorderhand noch in keinem anderen Studio der SRG. Der Chefredaktor arbeitet dort, wo Radio- und Fernsehleute in einem grossen Raum ihren Themen nachgehen. Erstmals ist es möglich zu entscheiden, welche Themen in welchem Medium wann und allenfalls in welcher Folge platziert werden sollen. Themen werden dank der neuen Nähe in einem Haus so vorbereitet, dass sie je nach Aktualitätsgrad und Visualisierungsstand im Radio oder im Fernsehen präsentiert werden können. Jetzt ist es möglich, dass TV-Journalisten, die irgendwo im Kanton auf Reportage unterwegs sind, ihr Tonmaterial den Radiojournalisten abliefern, weil man gegenseitig voneinander weiss, welche Themen von wem bearbeitet werden. Weil der Personalbestand von RTR vergleichsweise klein ist, sollen von nun an manche TV-Diskussionssendungen auch als Radiosendungen ausgestrahlt werden. Weshalb soll zum Beispiel eine Talkshow zum Thema Literatur, die sich vor laufender Kamera abspielt, nicht auch als Radiosendung ausgestrahlt werden? Die Arbeitsabläufe sind neu, für Schweizer Studios ungewohnt. Bereits ein halbes Jahr vor dem Umzug in das neue Haus prägte erwartungsvolle Neugierde aufs Neue die Stimmung des vergleichsweise jungen Personals in den beiden Studios der RTR.

Die offenen Studioräume wollen den Austausch von Informationen und den Dialog unter den Mitarbeitenden fördern: Das hat zur Folge, dass es an den Radiosendepulten nicht immer klinisch still ist. Radiohörer bekommen so zu Hause oder unterwegs die Lebendigkeit und Aktualität der Studiowelt mit. Weil im früheren Gebäude Teilzeitarbeitende feste Arbeitsplätze hatten, gab es Belegungsprobleme von Büropulten und Büros. Das ist jetzt ganz anders. Wenn die Redaktoren zur Arbeit kommen, holen sie sich ihren persönlichen Caddy mit ihren Unterlagen, dem Laptop und dem Telefon und rollen ihr mobiles Büro an einen freien Arbeitsplatz, den sie nach getaner Arbeit wieder verlassen. Das bedeutet, dass fast jeder an jedem Arbeitsplatz tätig sein kann, Arbeitsflächen nicht mehr ungenutzt leer bleiben. Zum ersten Mal in seiner Geschichte verfügt nun das rätoromanische Fernsehen über wirkliche Aufnahmestudios, die nicht zeitweise auch als Besprechungs- oder Planungsräume benutzt werden müssen.
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