St. Galler Tagblatt, 1. März 2004


Schönheit, wie sie im Buch steht
Unter den «Schönsten Schweizer Büchern 2003» sind viele aus Ostschweizer Ateliers

Fachleute sprechen bereits von einer «St. Galler Schule»: Buchgestaltung hat hier eine besondere Qualität erreicht. Im Wettbewerb um «Die Schönsten Schweizer Bücher» wurden vier Ostschweizer Publikationen ausgezeichnet.


Einen Ort kann man visuell erfassen. Oder stimmungsmässig. Der Kartause Ittingen, heute ein Museumsort und Stätte der Weiterbildung, kann man sich auch in einem Buch mit Sätzen, die mitunter Gedichten ähneln, annähern: Auf jeder Doppelseite des blütenweissen Buches steht ein einziger Satz, eine einzige Beobachtung, eine Gestimmtheit. Aus längeren Gesprächen destilliert hat diese Sätze die Münchner Künstlerin Karolin Bräg.

Gestaltet hat das Buch mit dem Titel «Mir gefällt es recht gut da...» der Frauenfelder Urs Stuber. Er gibt seit zehn Jahren den Drucksachen des Kunstmuseums des Kantons Thurgau in der Kartause Ittingen ein Gesicht. Zudem arbeitet er regelmässig als Gestalter für den Niggli-Verlag in Sulgen, wo auch das Buch über die Kartause erschienen ist. «Warum bin ich hier?», lautet die Frage Karolin Brägs an Personal und an Betreute des Heims in der Kartause. Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Als Drei- und Vierzeiler kommen diese Äusserungen daher. Und jede dieser Äusserungen ist mit der Bezeichnung REF und einer Zahl versehen. Irgendwann später wird es möglich sein, im Archiv der Kartause nachzuschlagen, wie sich die Personen sonst noch zum Leben im ehemaligen Kloster geäussert haben.

«Eingemacht» ins Buch

Stuber, der bis 1998 die Buchumschläge von Nagel & Kimche gestaltete, hat in den letzten Jahren insgesamt für zehn Bücher eine Auszeichnung im Rahmen des Bücherwettbewerbs des Bundesamts für Kultur erhalten. Zweimal wurden Werke aus seinem Atelier mit Medaillen des Leipziger Wettbewerbs «Schönste Bücher aus aller Welt» ausgezeichnet. Mit den Künstlerinnen Ingeborg Lüscher und Jenny Holzer sowie mit dem Architekten Max Dudler hat Stuber repräsentative Monografien ihres Œuvres gestaltet. Mit seinem Künstlerfreund Max Bottini hat er im Jahr 2001 «Eingemachtes»: 365 Kochvorschläge als lose Blätter in einem Kunststoffbehälter.

In Kloster-Schrift

TGG in St. Gallen: das sind Roland Stieger, Dominik Hafen und Bernhard Senn. Sie haben sich als Schüler Jost Hochulis an der Schule für Gestaltung ken-nen gelernt und 1993 zu einer Ateliergemeinschaft zusammengeschlossen. Zum sechsten Mal wurde eines ihrer Bücher ausgezeichnet: der zweite Band über die Stiftsbibliothek St. Gallen. «Klosterkultur und Aufklärung in der Fürstabtei St. Gallen» heisst das Buch von Hanspeter Marti (Verlag am Klosterhof). Es ist in sämtlichen Details ein qualitativ sehr gut gedrucktes Textbuch, ein Resultat grosser Buchkunst und gleichzeitig eine hohe Leistung in der Kunst der Typografie: Die Schrift, welche die drei Gestalter für dieses Buch gewählt haben, haben sie lange in Fachzeitschriften gesucht: «Rialto», eine Schrift, die auf die Skriptorien des 15. Jahrhunderts verweist und von einem Venezianer und einem niederösterreichischen Schriftengestalter vor fünf Jahren entwickelt wurde. Die drei haben ein Buch ausgearbeitet, das sich gut auf die klösterlich-theologische Umgebung des Themas bezieht. Der Halbgewebeeinband in knalligem Orange und dunklem Braun sowie die Vorsatzseiten in starkem Blau zeugen vom Mut der Stiftsbibliothek, eine neue Linie in der Reihe der eher konservativ auftretenden eigenen Publikationen zu etablieren. Die Auszeichnungsfarbe Rot im Buchinnern überrascht, die Platzierung der leserlich bleibenden Fussnoten ist sehr schön gelöst, die Integration der Bilder fällt überzeugend aus, den Bildlegenden wird viel Raum gewährt. Dass sie nicht nur historische Publikationen gestalten, beweisen die drei vom Atelier TGG mit ihren Arbeiten für das Theater St. Gallen, dessen Generalprogramm sie gestalterisch betreuen. Den gesamten grafischen Auftritt des Theaters bis hin zum Busplakat haben sie entwickelt. 1997 haben sie im Rahmen einer Ausstellung in St. Gallen einen aufwendigen Leporello mit Fotografien von Mäddel Fuchs von Arbeiten von Roswitha Merz gestaltet. Und für die «Daros Latin America Collection» haben sie den aufwendigen viersprachigen Bildband «La Mirada» realisiert.

Vertikal und horizontal

In auffällig leuchtendem Gelb und mit braunen Buchstaben kommt ein Ausstellungskatalog des Basler Museums für Gegenwartskunst daher. Schön und mutig zugleich seine farbliche Erscheinung, die von Anfang bis zum Schluss durchgezogen wird. «Dramensatz» heisst das Buch (Christoph-Merian-Verlag, Basel), dessen Autor der Berliner Videokünstler Christian Jankowski ist. Das Buch weist zwei Leserichtungen auf, eine horizontale und eine vertikale, die zusammen ein Ganzes ergeben. Das Werk, das Gesprächssequenzen von Videostücken des Künstlers dokumentiert, zeigt jeweils genau an, wie lange jedes Video dauert. Die Dialoge sind mitunter zweisprachig, denn Jankowski verfasst sie in Deutsch, Dänisch und Englisch, der Zeilenzähler entspricht in seiner Art demjenigen der gelben Reclambändchen. Zu jedem Video gehört eine doppelseitige Abbildung, die aber jeweils durch eine Textseite halbiert wird. Die Bindung nach japanischer Art verleiht dem Buch mit seinen Stücken einen satten Umfang. Das Buch liegt dennoch schön in der Hand. Ein starkes und voluminöses Buch, das aber mit einer Leichtigkeit daherkommt. Gestaltet hat es die aus Trogen stammende Dorothea Weishaupt gemeinsam mit ihrem Berliner Geschäftspartner Michael Heimann vom Büro für Gestaltung «groenland.berlin.basel». Vor einem Jahr haben sie bereits zwei Auszeichnungen im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» erhalten: für «Movement Meter for Lernacken» über Olafur Eliasson und für das Begleitbuch zur «Heimatfabrik» an der Expo.02.

Jost Hochuli gewinnt den Jan-Tschichold-Preis

Am 8. Mai wird im Rahmen der Eröffnung der diesjährigen Ausstellung «Die schönsten Schweizer Bücher» im Museum für Gestaltung Zürich auch der Jan-Tschichold-Preis verliehen. Die Jury sprach den mit 15 000 Franken dotierten Preis, mit dem das Eidgenössische Departement des Innern ein kreatives und aussergewöhnliches Engagement im Bereich der Buchgestaltung auszeichnet, dem St. Galler Buch- und Schriftgestalter Jost Hochuli zu. Sie ehrt damit eine Persönlichkeit, die seit Jahrzehnten die schweizerische Buchgestaltung nicht nur als Gestalter und Verleger, sondern auch mit einer engagierten Lehrtätigkeit prägt.

Zudem wird das von Jost Hochuli gestaltete Buch «Anna Schlatter-Bernet» der Historikerin Marianne Jehle-Wildberger (Verlagsgemeinschaft St. Gallen und Theologischer Verlag Zürich) im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» mit einer Urkunde ausgezeichnet.

Internationale Medaillen

Jost Hochuli ist der Gestalter der beim S.-Fischer-Verlag erscheinenden und 58 Bände umfassenden «Grossen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann». In den vergangenen 25 Jahren hat Hochuli das über hundert Titel aufweisende Verlagsprogramm der Verlagsgemeinschaft St. Gallen (vgs) geprägt. Und er hat auch das rund 80 Titel zählende Broschürenprogramm der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, das in sieben Sprachen vorliegt, gestalterisch betreut. Im Jahr 1975 wurde erstmals ein von Jost Hochuli gestaltetes Buch prämiert, nämlich eine Studie über Riskmanagement des St. Galler Universitätsprofessors Matthias Haller. Seither wurden zahlreiche von Hochuli gestaltete Publikationen prämiert - fast Jahr für Jahr, in manchen Jahren waren es gleich drei. Der St. Galler wurde auch im Rahmen von «Schönste Bücher aus aller Welt» mit Bronze- und Silbermedaillen ausgezeichnet, zudem erhielt er den Icograda-Ehrenpreis an der internationalen Buchkunstausstellung IBA 1989 in Leipzig sowie zehn Jahre später den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig, die international höchsten Auszeichnungen im Bereich der Buchgestaltung.

Wissen weitervermitteln

Jost Hochuli hat an den Schulen für Gestaltung in Zürich und St. Gallen unterrichtet; hier war er Leiter des Ausbildungsgangs für Typografische Gestalter. Er hat mehrere Bücher zur Buchgestaltung publiziert, die heute als Standardwerke gelten. Am bekanntesten ist seine Publikation «Das Detail in der Typografie», das in sechs Sprachen vorliegt. Im Jahr 2002 erschien im Verlag Niggli das (ebenfalls prämierte) Buch «Jost Hochuli: Drucksachen, vor allem Bücher», in dem sein umfangreiches Werk und seine Gedanken zum Thema Buchgestaltung vorgestellt werden. Hochulis Werk wurde in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Im April dieses Jahres wird Hochuli ausserdem im Rahmen einer von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gezeigten und von ihm konzipierten Ausstellung in Kairo eine Präsentation schweizerischer Buchgestaltung eröffnen.
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