Saiten, Ostschweizer Kulturmagazin, April 2004


«So einfach ist das»

In Hohenems geht eine Ausstellung mit 43 Hörinstallationen der Kindheit und Jugend jüdischer Menschen in Österreich, der Schweiz und Deutschland nach.
Es ist dies die erste Präsentation des aus Frankfurt stammenden neuen Direktors des Jüdischen Museums.

«Wir sind neugierig auf Menschen» heisst es in grossen Lettern auf einem Farbplakat, auf dem eine renovierte Villa aus dem 19. Jahrhundert zu sehen ist. Am Eingang und auf dem Balkon im ersten Stockwerk stehen fünf Männer und drei Frauen, die für das Bild posiert haben. Es ist das Plakat des Jüdischen Museums Hohenems im Vorarlberg mit dem Motto für das Ausstellungsjahr 2004. Die fotografierten Personen sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums, der neue Direktor, Hanno Loewy, bis vor kurzem noch in Frankfurt tätig, blickt vom Balkon hinunter. Zusätzlich zur Dauerausstellung hat er für dieses Jahr drei Sonderausstellungen programmiert, in deren Zentrum Menschen und ihre Lebensläufe stehen. Und zusätzlich zu den Ausstellungen schweben Loewy weitere Projekte in Hohenems vor: Museum, Musikschule, die Vorarlberger Autorengesellschaft und die Malin-Gesellschaft, ein Zusammenschluss kritischer Historiker, haben alle ihr Domizil unweit voneinander, was – so Loewys Plan – zur Etablierung eines kleinen Kulturquartiers in Hohenems führen könnte.

Wer Hanno Loewy in seinem Museum in Hohenems trifft, dem wird klar: Loewy wird das Museum mit seinen Ideen aus seinem Nischendasein herausführen. Neue Ausstellungsideen, ein neues Kommunikationskonzept, eine wache Neugierde für seine Umwelt prägen die neue Ära. Kaum in Hohenems angekommen, gründete der neue Direktor Mitte März mit einer Reihe kulturell aktiver Freunde aus dem Vorarlberg eine Lesegesellschaft, die sich regelmässig im Lesecafé des Museums zu Lesungen, Diskussionen und Präsentationen treffen wird. Wer Mitglied der neuen Lesegesellschaft wird, verpflichtet sich dazu, ein Mal im Monat während vier Stunden im Lesecafé des Museums anwesend zu sein und entweder eine kulturelle Idee umzusetzen oder Kaffee und Tee und Bagels zu servieren. Die Autoren Doron Rabinovici aus Wien und Vladimir Vertlib aus Salzburg sowie die Filmemacherin Stina Werenfels aus Zürich kommen zu Veranstaltungen nach Hohenems ins Museum und Vladimir Kaminer, aus Russland stammender Berliner Kultautor, sowie der ukrainische Musiker, Sänger und Showman Yuriy Gurzhy, werden auf Einladung von Loewy im Spielboden Dornbirn ihre berühmte Russendisko durchführen.

Hanno Loewy hat sein ganzes Leben in Frankfurt verbracht. Er hat Bücher über Filmer und Erinnerungsorte geschrieben, Ausstellungen konzipiert, ein Forschungsinstitut im Bereich Zeitgeschichte geleitet. Im Januar ist er aus der Bankenmetropole am Main mit ihren 650 000 Einwohnern im knapp 14 000 Einwohner zählenden Städtchen Hohenems am Rhein gelandet, einer Ortschaft, welche die Bezeichnung «Stadt» trägt, aber trotz eines etwas baufällig wirkenden barocken Schlosses, trotz ihrer Schubertiade und der Ski- und Textilindustrie so still und verträumt wirkt wie ein grosses Dorf. Eine Ortschaft am westlichsten Rande Österreichs, die seit 1991 ein Jüdisches Museum besitzt.

Geschichte und Gegenwart verknüpfen

Rund 7000 Besucherinnen und Besucher zählte das in einer Gründerzeitvilla untergebrachte Museum im vergangenen Jahr, die meisten sind Schüler, die mit ihrem Lehrer oder mit der Lehrerin vorbeikommen, der Besuch des Museums gehört fast zum Pflichtprogramm der Vorarlberger Schulen. Die Zahl der erwachsenen Besucher wird bald schon zunehmen, auch die Zahl der Besucher aus der Schweiz und aus Deutschland. Denn für Hanno Loewy liegt das Museum nicht am äussersten Rand Österreichs, sondern mitten drin im Dreiländereck. Und weil die Juden, welche die Geschichte von Hohenems zwischen 1650 und 1850 prägten, mit der Schweiz und dem süddeutschen Raum stark verbunden waren, soll diese Verbundenheit Teil des Museumsprogramms werden. Loewy versteht die Lage des Museums nicht am Rand, sondern als Chance, weil in der Mitte eines mehrere Länder umfassenden Kulturraums gelegen. Und Loewy will in seinen Ausstellungen die Geschichte der Juden mit der Gegenwart verknüpfen.

«So einfach war das» lautet der Titel der ersten von Loewy zusammengestellten Ausstellung. Im Untertitel ist das Ausstellungsthema erläutert: «Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Österreich, der Schweiz und Deutschland». Geschichte und Gegenwart werden in dieser Ausstellung verbunden. Dreiundvierzig Menschen in Österreich, Deutschland und der Schweiz hat Loewy im Rahmen dieses Projektes dazu bewegen können, ihm eine Fotografie aus der Zeit ihrer Kindheit einzuschicken und zu ihr einen erzählerischen Erinnerungstext zu schreiben. Sie alle hat er nachträglich dazu aufgefordert, den Text auf Tonträger zu sprechen. Entstanden sind Hör- und Lesetexte, in denen immer wieder Emigration, die Suche nach der eigenen Identität und Vorurteile von Mitmenschen vorkommen. Auffallend, dass nicht wenige Biografien, die von der Verfolgung der Elterngeneration des Zweiten Weltkrieges geprägt sind, auch von der Suche nach dem lange Zeit nicht bekannten jüdischen Hintergrund der eigenen Familie bestimmt werden. Dazu Hanno Loewy: «Mich interessierte, welche Szenen und Konflikte von früher in Erinnerungen geblieben sind. Welche Erfahrungen haben die Kindheit und Jugend geprägt? Wie hat man sich selbst sein Leben in Deutschland und Österreich erklärt, Länder, die doch ‹Länder der Täter› waren. Welche Rolle haben die Tabus der Schweizer Gesellschaft und ihres Umgangs mit Flüchtlingen für die Identität von Juden in der Schweiz nach 1945 gespielt? Welche gemeinsamen Symbole hat man sich gesucht, um als Gruppe zu bestehen?»

Gemeinde mit jüdischer Vergangenheit

Loewy akzentuiert eine Präsentationsart, die das Museum in Hohenems seit seiner Gründung anstrebt: Jüdische Museen zeigen in der Regel Kultgegenstände, die der Erläuterung jüdischer Bräuche dienen. Die Museumsgründer hatten sich für ein anderes und spannendes Konzept entschieden, an dem der neue Direktor punktuell Veränderung vornehmen wird, um es auch gleich auszuweiten: Wer in Zukunft das Jüdische Museum in Hohenems besucht, kann in der Dauerausstellung einerseits der Geschichte der Juden in Hohenems und im Vorarlberg nachgehen. Klar, dass die Schweizer Nachbarschaft, Polizeihauptmann Grüninger und der Zweite Weltkrieg wichtige Stationen im Museum darstellen. Gezeigt wird aber auch die Geschichte der örtlichen Synagoge und das Leben des aus Hohenems stammenden jüdischen Musikers Salomon Sulzer. Gleichzeitig besteht aber die Möglichkeit, die 43 Geschichten der Sonderausstellung zu hören. Und wer das Museum besucht, erhält zusätzlich zur Eintrittskarte gleich noch eine Broschüre mit allen eingereichten Texten.

Wer sich die Publikationen im kleinen Museumsshop und die Angebote des Museums anschaut, der stellt fest, dass sich in Hohenems erstaunliche Entdeckungen machen lassen. Um 1850, zu einer Zeit, in der Juden noch nicht die Möglichkeit hatten, im benachbarten Kanton St.Gallen oder im Tirol zu wohnen, zählte Hohenems 550 jüdische Einwohner, was rund ein Sechstel der Bevölkerung ausmachte. Hohenems besass eine jüdische Schule, ein Ritualbad, ein israelitisches Armenhaus, eine Synagoge mit einem Rabbinerhaus sowie einen jüdischen Friedhof. Die meisten Hohenemser Juden hatten den Ort nach der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verlassen, um sich in St.Gallen oder in Triest und im Tirol anzusiedeln. Die Synagoge wurde in der Zeit des Nationalsozialismus einem anderen Zweck zugeführt. Und nach 1939 lebte kein einziger Jude mehr in Hohenems. Der Nationalsozialismus mit seinem Vernichtungsfeldzug des europäischen Judentums bedeutete das Ende des jüdischen Lebens in Hohenems. Wo einst Juden gewohnt hatten zogen türkische Gastarbeiterfamilien ein.

Das Museum bietet Spaziergänge durch das einstige jüdische Hohenems und eine Besichtigung des jüdischen Friedhofs an. Und wenn die einstige Synagoge, die während Jahrzehnten als Feuerwehrmagazin dienen musste, nach einem Umbau im kommenden Oktober als Musikschule eingeweiht wird, soll im Rahmen einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel «Kantormania» in Erinnerung an den berühmten jüdischen Kantor Sulzer jüdische Musik in Hohenems zu hören sein. Vorher zeigt Hanno Loewy noch eine Ausstellung mit dem Titel «Gastarbajteri», bei der es um die Zuwanderung von türkischen Gastarbeitern nach Österreich geht. Immerhin: die Juden waren die ersten Gastarbeiter in Hohenems, sie hatte der Graf von Hohenems im siebzehnten Jahrhundert geholt, um dem Ort einen wirtschaftlichen Auftrieb zu geben. Die Türken wurden vor vierzig Jahren im Rahmen eines Staatsvertrags geholt, um in der Textilindustrie der Region zu arbeiten.

Die Ausstellung «So einfach war das» dauert bis zum 23. Mai. Das Jüdische Museum an der Schweizer Strasse 5 in Hohenems ist jeweils vom Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Hohenems ist die österreichische Nachbargemeinde von Diepoldsau (SG).
Infos auch über www.jm-hohenems.at
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