Erschienen in der Sächsischen Zeitung (Dresden), 8. November 2008


Die Sprache der Mörder

Ich bin kein Deutscher. Ich wohne nicht in Deutschland. Eigentlich kann mir der 9. November, der 70. Jahrestag der «Kristallnacht», gleichgültig sein. Und doch beschäftigt er mich. Ich bin Jude. Meine Eltern stammen aus Deutschland, sie haben beide als junge Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Beide sind auf Umwegen in das englische Mandatsgebiet Palästina ausgewandert, ich bin in Israel geboren und aufgewachsen.

Keine deutschen Produkte

«Du sollst kein Deutsch sprechen!». «Deutsche Produkte kauft man nicht!». «Deutsche sind Nazis!». «Deutsch ist die Sprache der Mörder!»: Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der Überlebende aus den Konzentrationslagern Eltern meiner Schulfreunde waren. In der Grundschule in Tel Aviv galt unter uns Kindern alles Deutsche als schlecht. Deutsche Erzeugnisse galten im Haushalt meiner Eltern als suspekt, mein Großvater achtete in seiner Tel Aviver Zahnarztpraxis darauf, keine Geräte mit der Aufschrift «Made in Germany» zu haben. In meinem ersten israelischen Reisepass stand, das Dokument schließe Reisen nach Deutschland aus. Bei ersten Begegnungen mit Deutschen war ich genauso unsicher wie sie.

In meiner Jugend sprachen meine Eltern nicht über ihre Zeit in Deutschland. Meine Mutter nannte nur selten den Namen ihrer Geburtsstadt Görlitz. Ansonsten waren weder Augsburg, die Stadt aus der mein Vater stammte, noch Görlitz Themen am Familientisch. Psychologen sprechen von der «zweiten Generation», wenn sie Menschen mit einer Geschichte, die meiner gleicht, schildern. Wir sind Erwachsene, mit denen früher über die Zeit des Krieges nicht gesprochen wurde. Der Zweite Weltkrieg hat auch Teile unserer Biografien geprägt. Diese zweite Generation gibt es auch unter nichtjüdischen Deutschen: Erwachsene, deren Väter und Mütter nicht über die Jahre in der Wehrmacht, in der NSDAP, in der SS, nicht über ihre Jugend sprachen. Menschen, die den Krieg erlebt haben, wollten die Vergangenheit endgültig vergangen sein lassen, nicht mehr berühren. Ich kann das verstehen.

All das ist Geschichte, die Distanz zu allem, was deutsch ist, ist Teil meiner Biografie. Wie anders ist mittlerweile mein Verhältnis zu dem Land, in dem zwei meiner Großeltern umgekommen sind, und das die beiden anderen Großeltern ebenso wie meine Eltern haben verlassen müssen, weil sie um ihr Leben fürchten mussten. Begegnungen mit Deutschen haben mich und meinen Umgang mit Deutschland verändert. Am Anfang stand die Neugierde: Ich wollte wissen, wo meine Eltern herkommen, die Orte kennenlernen, in denen sie ihre ersten Jahre verbracht hatten. Eine Reise mit meinen betagten Eltern nach Görlitz bildete den Beginn einer Auseinandersetzung mit den Deutschen und ihrem Land. Ich erinnere mich genau an die erste Begegnung mit dieser schönen Stadt, die im Zweiten Weltkrieg von Bombenabwürfen verschont geblieben ist. Görlitz hat mich nicht mehr losgelassen. Ich bin in den fünfzehn Jahren seit meinem ersten Besuch unzählige Male in dieser Stadt gewesen, habe ein Buch über Görlitz veröffentlicht, mich für kulturelle Anliegen in Görlitz eingesetzt. Ein Gebäude dieser Stadt liegt mir besonders am Herzen: die frühere Synagoge, die die «Kristallnacht» und den Krieg überlebt hat. Das große, 1911 eingeweihte Gotteshaus und seine Zukunft beschäftigen mich. In Görlitz leben heute nur noch eine Handvoll Juden. Noch ist nicht daran zu denken, dass sie eine Synagoge, die früher einer Gemeinde mit mehreren Hundert Mitgliedern diente, übernehmen und beleben könnten. Ungeschicklichkeiten und mangelnde Kenntnisse im Umgang mit der jeweils anderen Seite haben in Görlitz Fronten entstehen lassen, die eine offene, zeitgemäße Nutzung eines früheren Gotteshauses behindern. Das ist gerade am 70. Jahrestag der «Kristallnacht» so bedauerlich.

Görlitz und die Begegnungen mit den Menschen der Stadt und der Region haben meinen Umgang mit Deutschen und Deutschem verändert. Ich bin Menschen begegnet, die kaum anders sind als ich. Auch sie versuchen, die gemeinsame Geschichte von Juden und Menschen nichtjüdischer Herkunft in Deutschland zu verstehen. Die Deutschen von heute haben die Geschicke des Dritten Reichs nicht mitzuverantworten. Auch sie versuchen, Hemmungen zu überwinden. Vielen war ich der erste Jude, dem sie persönlich begegnet sind. Im Alltag beschäftigen uns dieselben Fragen, die Geschichte bleibt im Hintergrund präsent, ist manchmal Thema. Deutschland ist für mich heute ein Land wie jedes andere europäische Land auch, vertrauter zwar, weil ich die Sprache des Landes beherrsche, weil ich eine Verbindung zu der Stadt habe herstellen können, aus der einige meiner Vorfahren stammen und, weil ich auf Reisen und während Aufenthalten viele Deutsche habe kennenlernen können.

Erinnern für die Zukunft

Aus eigener Erfahrung weiß ich es: Der Umgang zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland ist leichter geworden. Dennoch gilt es, der Verfolgung der Juden zu gedenken. Über 60 Jahre nach Kriegsende und 70 Jahre nach der «Kristallnacht» sind der Überdruss und die Erinnerungsmüdigkeit sowie die immer wieder gehörte Forderung, doch endlich die Shoa Shoa sein zu lassen, nicht angebracht. Im neuen Kreis Görlitz wurde die NPD viertstärkste politische Kraft. Und nicht selten kommt es zu Übergriffen auf Menschen anderer Hautfarbe und ausländischer Herkunft. Erinnern an Ereignisse, die man selbst nie erlebt hat? Ist das möglich? Erinnern kann Bedingung für wacheres Bewusstsein sein. Erinnern wird zum Aufruf zur Wachsamkeit gegenüber Andersdenkenden. Der Gedenktag an die «Kristallnacht» weist mit geschichtlichem Wissen in eine humane, tolerante Zukunft.
› nach oben › zurück zur «texte»-übersicht