Basler Zeitung, 16. September 2005


Sprachrohr der Kulturschaffenden
Heinrich Gartentor soll als neuer «Kulturminister» die Kulturdebatte in der Schweiz beleben

An der Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober wird er am Stand des Wiener «Passagen Verlags» anzutreffen sein, dessen Autor er ist. Und an den Solothurner Literaturtagen im kommenden Mai auch: Heinrich Gartentor, am Mittwoch dieser Woche vierzig geworden, wird am kommenden Sonntag in Biel am Kongress «Forum des Artistes» zum Thema ‹Kunst Macht Freiheit› als «Kulturminister» vorgestellt.

Wer Heinrich Gartentor in seinem Atelier an der Uttigenstrasse 27 in Thun besuchen möchte, muss sich ausweisen, muss ein in drei Durchschlägen erstelltes Formular ausfüllen: «Besucher für 1 Tag» heisst der Aufdruck. Und das kleine Schriftstück «ist während dem Aufenthalt im Areal sichtbar zu tragen». Was wie eine Satire klingt, ist echt: Mit elf anderen Künstlerinnen und Künstlern (u.a. mit der Foto-, Video- und Performancekünstlerin Chantal Michel) befindet sich Gartentors Atelier in einer Liegenschaft auf dem Areal der RUAG, eines Industrieunternehmens, das Waffen und Munition herstellt. Weil der schrumpfende Konzern am Restrukturieren ist, sind auf dem Firmenareal Gebäude frei geworden. In einer dieser Liegenschaften ist der «Kulturminister» an der Arbeit.

Heinrich Gartentor ist Autor, Internetaktivist und Aktions-Künstler zugleich. Zwei Bücher hat er beim renommierten Wiener «Passagen Verlag» herausgebracht. Gartentor schreibt aber nicht nur Romane und stellt nicht nur Kunstvideos her. Seine Meinung ist gefragt: Künstler Gartentor amtet immer wieder als Querdenker. So vor kurzem für die Stadt Thun, die vor hat, ein neues Stadion zu bauen. Beliebt hat sich Gartentor mit dieser Arbeit bei den Stadtbehörden allerdings nicht gemacht, als er vor kurzem als Gestalter und Texter des Jahresfaltblatts der Kunstgesellschaft Thun gegen den Einbau von Einkaufsläden im Stadion eintrat. Ihm wären Wohnungen, ein Hotel und ein Kongresszentrum lieber. In Bern ist Künstler Gartentor derzeit als Querdenker im Rahmen der Verkehrspolitik engagiert worden.

Fünfzig Personen haben sich auf Grund einer Medienmitteilung vom vergangenen Frühling für das «Kulturministeium» interessiert, 32 haben einen Katalog mit 74 politischen und kulturellen Fragen beantwortet. Ihre Ideen sind im Internet präsentiert worden, wo auch der Wahlkampf ausgetragen wurde. Die Wahl zum «Kulturminister» hat nach einer sechswöchigen Kandidaturphase vom 5. Juli bis zum 8. September 2005 stattgefunden. Es haben sich mehr als 1’000 Personen registrieren lassen, um sich an der Wahl zu beteiligen. Vergangene Woche wurde Gartentor als Wahlsieger eruiert, in diesen Tagen macht er sich an die Planung, seiner zwei Jahre dauernden Amtszeit. Die Idee zur Schaffung eines «Kulturministeriums» hatten die beiden Luzerner Networker Beat Mazenauer (Literaturkritiker) und Adi Blum (Musiker). Getragen wird das Projekt von den KünstlerInnenverbänden der Schweiz, mit ihnen arbeitet das kulturministerium.ch eng zusammen

«Kulturminister» Heinrich Gartentor soll die Kulturdebatte in der Schweiz beleben. Er will punktuell und sinnvoll dort eingreifen, wo mehr über Kultur nachgedacht werden müsste. Migros Kulturprozent und Bundesamt für Kultur haben sich interessiert gezeigt an der Idee, die von den Künstlerverbänden der Schweiz lanciert wurde. Die Schaffung der Position verstehen die Urheber der Idee nicht als Provokation, sondern eher als eine Schnittstelle zwischen Kultur und Politik. «Über das Wort Ministerium könne man schmunzeln, aber die Aussagen sind ernsthaft», sagt der Minister. Politiker würden immer wieder sagen, sie hätten keinen Ansprechpartner in der Kultur, jetzt sei ein Ansprechpartner da. In ersten Reaktionen noch vor Bekanntgabe des Wahlresultats haben sich Nationalrat Adrian Amstutz (SVP) und Matthyas Jenny vom Basler Literaturfestival positiv zu Gartentors Kandidatur geäussert.

Künstler Gartentor ist ein Vermittler. Und er vergleicht seine zukünftige Tätigkeit mit derjenigen des Preisüberwachers. Er werde eine Beobachterfunktion einnehmen, seine Meinung äussern und die Diskussion dort anschieben, wo es nötig sei. Gartentor kennt die Kunst: Er hat mit Strassenmusik und Strassentheater angefangen. Mit seinen rund 200 «netten Attentaten» in den letzten zehn Jahren, dem Anbringen von Texten auf Aluminiumtafeln an und in Gebäuden ist er bekannt geworden, als Autor wird er zu Lesungen eingeladen. Er ist Vorstandsmitglied der Kunsthalle Bern und der visarte.bern. Im «Proger» in Bern, jenem Gebäude gegenüber dem Kunstmuseum, in dem rund 60 Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers haben, verfügt er über ein Gastatelier. Das von ihm geschaffene «Heinrich-Gartentor-Stipendium» geht jeweils an einen Künstler oder eine Künstlerin, welche(r) noch nie einen Kunstpreis gewonnen hat. Für das Stipendium kann man sich nicht bewerben. Es wird nach Gutdünken in loser Folge von Heinrich Gartentor vergeben. Das Stipendium beinhaltet u.a. ein Atelier zur freien Verfügung, freies Wohnen in Bern sowie zwei Ausstellungen. Das Geld treibt Gartentor durch Sponsorensportaktionen.

Für seine künstlerischen Aktionen und Arbeiten hat Heinrich Gartentor 2000 den Thuner Kulturförderpreis und 2004 das Louise Aeschlimann und Margareta Corti Stipendium (AC) der Bernischen Kunstgesellschaft erhalten. Bevor er am Sonntag in Biel am «Forum des Artistes» Red und Antwort stehen wird, wird Gartentor in Paris einer Ausstellungseröffnung beiwohnen, an der auch Werke von ihm gezeigt werden. Und kurz vor der Amtseinsetzung wird er noch das Thuner Drachenbootrennen eröffnen, das er seit acht Jahren organisiert. Damit dass er bürgerlich anders heisst, hat Gartentor kein Problem. Im Kanton Bern sei man sich an Namensvariationen gewöhnt. Aus Martin mache man einen «Tinu». In Thun weiss sogar der Taxifahrer, wo Heinrich Gartentor zu finden ist. Und er weiss auch, was Gartentor denkt. Denn regelmässig erscheinen im Thuner Tagblatt Gartentors Kolumnen zu aktuellen Fragen aus Politik und Kultur.

(Weitere Informationen unter www.kulturministerium.ch)
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