St. Galler Tagblatt, 21. November 2002


Auf dem Sprachseil

Ausverkauf und Wiedergeburt bei Mölä & Stahli - Ein Abgesang auf das St. Galler Wortkunst-Duo

Der Vorhang ist schon offen. Eine Gitarre, eine E-Gitarre, eine Posaune, eine Ziehharmonika, eine Musikanlage, ein Plastikeimer und zwei Stühle. Kein Programmheft, kein Pressetext, die CD ist nicht mehr zu haben. Und dann treten sie auf. Der schlaksig sich gebende Mann mit dem cremefarbenen Anzug und mit der roten Fliege ist barfuss unterwegs. Und der andere tritt mit dunklem gestreiften Anzug, mit Hosenträgern und groben Turnschuhen auf.

Zwei Ostschweizer, in Zürich kürzlich in der Zeitung als Berner angekündigt. Zwei Sprachakrobaten hoch auf den Sprachseil. Und sie stürzen nie ab. Eine Woche lang Abend für Abend vor Publikum auftretend. Jeden Abend auf einer anderen Bühne. Und alle Vorstellungen sind ausverkauft. Es ist Ausverkauf und alle eilen hin. Moritz Wittensöldner und Manuel Stahlberger. Mölä & Stahli. Erst seit kurzem national bekannt und als Duo bereits am Ende. Abende voller feiner Gesten und voll von Phantasie sollen ab Samstagabend der Vergangenheit angehören. Einzelgänger ziehen vorbei. An unseren Träumen gemessen durchschnittliche Versager wie wir alle. Der Zugschaffner etwa, der am liebsten in vollen Zügen Fahrkarten knipst, dem ein GA-Besitzer ein Horror ist. Wenn bloss der Mann von Minibarwägelchen auch noch ein «Bilijè» vorweisen könnte. Die Frau ist dem Kondukteur davon, weil sie die dauernde Knipsbewegung nicht mehr hat aushalten können. Oder der Ferienreisende, ein Schweizer, ein Träumer, der an einem fernen Sandstrand einer tiefbraunen Schönheit seine Briefmarkensammlung zeigt. Beim Rückflug zu Ehefrau und Heimat bricht das Herz der Ferienschönheit und ihr Deutsch bleibt gebrochen. Oder der erwachsene Sohn, der endlich ein Zimmer für sich alleine bewohnen will. Aber Mutter mag das Fernsehzimmer nicht hergeben. Und der Quartierbewohner, der Tag für Tag Kassiererin Rosemarie im Supermarkt aufsucht, Magerquark-Grosseinkäufer ist er mittlerweile, um ja nur von ihr angeschaut zu werden. Wann wird er bloss wieder ihre Hand beiläufig am Förderband berühren können? Oder Fritz, der endlich richtig und deftig sündigen soll, damit sich der Gang zum Beichtstuhl lohnt. Und der Frauenzersäger, einst Haargel-Spezialist und früherer Gesprächspartner von Elvis, der seine Bühnenkunst eines Tages nicht mehr beherrscht, das Blut tropfen lässt und so zum wirklichen «Versager» wird.

Das Land und seine Leute

Verlierertypen schauen uns an. Mit Sprachwitz vorgeführt. Texte, die bewusst nicht richtig betont werden und so zu dichten Sprachspielen werden. Texte mit verschobenen Vorsilben, die aufhorchen und Sprache ganz anders erleben lassen. Nonsensetexte auf hohem Niveau von Grachten und Schachten und Wachteln. Mölä als Machotyp mit übergrosser Pilotenbrille aus den 70er Jahren und sparsamen Gesten. Stahli als Sprachjongleur von unglaublicher Dichte und Schnelligkeit. Das Land und seine Leute ziehen vorbei: Die Hühner vom Bauernhof machen Eier, die Sau macht Schinken, die Kühe machen Milch und ein anonym bleibender Kilian, Sohn des katholischen Pfarrers und späterer Jesuitenzögling, stanzt unsichtbare Gedichte, die im Duett vorgelesen und mit nonchalanter Geste weggewischt werden. Lautmalerisch das Programm, die Musik erinnert an die Schweiz, an die Schlagerparade oder an hiesige Volksmusik, manche Nummern erinnern an Samstags-Fernseh-Quizsendungen, wo sich die Fragen immer gleichen und sich die Moderatorengesten ewig wiederholen. «Ich bin eine Frage auf der Suche nach einer Antwort» entziffert Mölä ein Gedicht Kilians. Das ganze Vokabular der Vulgärpsychologie und der Esoterik zieht vorbei, «meerstimmig» am Strand Peter Rebers eingefangen, nur anders als dort voll von Witz, wenn etwa der «Graphopädaphilosoph» auftritt und in einer Kaskade von Abkürzungen mit schmachtender Stimme ein idealer Partner für das Leben zu zweit gesucht wird.

Filigrane Verpackungskunst

Nach dem Abend wissen wir, dass Wochenwäsche im Mehrfamilienblock «straff, nicht schlaff» aufgehängt werden muss, die Wäscheklammern in Bern oder Bümpliz nach Farbe sortiert werden sollten und dass die beiden Artisten vom Verkauf «filigraner Verpackungskunst», von «Pausennoppen» leben, «garantiert keine Kinderarbeit» fügt Stahlberger mit vielsagendem Blick auf Wittensöldner an. Der Gottessänger mit dem irren Blick tritt auf und «kämpft für den Frieden», er wirkt so echt und löst Lachsalven aus. In der Bahnhofshalle würden wir ihn mitleidig anschauen, die Sätze im Theatersaal aber sind echt. Stahli und Mölä können genau zuhören und hinschauen. Sie setzen Sprache um und schichten sie neu auf, sie erfinden Figuren, die um uns sind. Zwei Spracherfinder sind aus der Ostschweiz aufgebrochen, haben in Zürich und Basel und Bern das Publikum erobert und den Prix Walo geholt. Und schon soll alles vorbei sein. Nein, es ist nicht fertig, es kann nicht sein. Wir glauben an die «Auferstehung». Möläs Gesten, seine überraschenden Sprünge, sein Augenzwinkern werden uns wieder begegnen. Und Stahlis Sprachreisen fangen erst an. Er wird uns den Sinn des Lebens wieder lexikalisch und blitzschnell erläutern müssen. Wozu Farbtherapie gut sein kann und zu was eine karmische Rückführung taugt, wie sollen wir es wissen, ohne Stahlberger und Wittensöldner wieder zu begegnen. Ein Paar trennt sich endgültig. Das riecht nach einer Geschichte von Mölä und Stahli. Aber diesmal ist sie echt. Es wird eine «Reinkarnation» geben. Jeder für sich. Und beide für uns. «Halleluja» hat das Publikum an jedem dieser Abende mitgesungen. Halleluja!
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