St. Galler Tagblatt, 11. März 2003


Suche nach der Liebe von West nach Ost

In «Blue Moon» erzählt die österreichische Regisseurin Andrea Maria Dusl aus dem weiten, neuen Osten Europas von Wien bis Odessa.

Es beginnt auf einem anonymen Parkplatz irgendwo in der Nähe von Wien mit einem fabrikneuen amerikanischen Cadillac, führt zu einer alten russischen Lada und endet bei einer Schwarzmeerfähre, die eben den Hafen von Odessa verlässt. Der Cadillac ist gestohlen. Und niemand will den auffälligen Wagen mehr kaufen. Die gelbe Lada wird bei einer Rauferei vor unseren Augen geklaut, der Wagen ist zerbeult und bleibt vorübergehend auf einem Parkplatz der Miliz stehen. Und die Fähre verliert bei der Ausfahrt aus dem Hafen eine Passagierin.

Plattenbauten, Parteiabzeichen

Wunderbares Erzählkino, witzige Dialoge in den diversen Sprachen des neuen Kontinents, gekonnte Kameraführung, dazu ein Film im Film, ein Roadmovie auf der Achse Wien-Bratislava- Lwiw-Odessa. Im Hintergrund die Lebensweisheiten einer nie auftretenden Wiener «Pichler-Oma», der Schlüssel zur Lösung des Rätsel einer etwas gesuchten Geschichte liegt auf dem Boden einer Bolsflasche. Triste Plattenbauten am Rande grosser Städte, billige Hotelzimmer, wie sie sich im Migranten- und Tourismuszeitalter weltweit ähnlich sehen, eine stramm russisch-marxistische Wohnungseinrichtung mit Lenins Gesammelten Werken, mit Parteiabzeichen und Souvenirs gefüllt sowie ein Gefängnis sind ebenso wie die weite Landschaft des Ostens die Kulissen einer Reise von West nach Ost. Die wundersame Geschichte von Zwillingen, von denen eines ertrunken ist und doch zwei im Film auftreten.

Ein Film, der erzählt

Die junge österreichische Regisseurin Andrea Maria Dusl hat einen Erstlingsfilm, eine Art Grenzgängerarbeit zwischen Dok- und Erzählkino gemacht, in dem drei grosse Talente auftreten: die Russin Viktoria Malektorovych, der österreichische Kabarettist Josef Hader und der Ostdeutsche Detlev W. Buck. Sie ist Taxifahrerin mit einer orthodox- kommunistischen Kindheit und einer lukrativen Nebenbeschäftigung. Er ist ein sympathischer Versager, ein unbegabter Geldkurier in Ostgeschäften, doch ohne Kenntnisse einer Sprache Mitteleuropas. Der Dritte ist ein kleiner Gauner, angeblicher Schuhverkäufer, ein wunderbarer Miesling, ein Parasit. Jene berühmte Treppe in Odessa, die wir von Eisensteins berühmtem Film her kennen, kommt in «Blue Moon» ebenso vor wie alle kleinen Vorurteile, die engstirnige Westler vom weiten, neuen Osten haben. Gelegenheit, den jungen österreichischen Film kennen zu lernen und sich zu fragen, weshalb wir heute selten witzigen Erzählstoffen im Schweizer Film begegnen.
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