Architektur-Magazin, 11. Februar 2005


Die Synagoge als «bespielbare Baustelle»
Eine leer stehende Synagoge als Teil eines europäischen Wettbewerbs

Görlitz zu deutsch, Zgorzelec in polnisch: Eine geteilte Doppelstadt. Deutschlands östlichste Stadt liegt an der Neisse. Auf der anderen Flussseite liegt die polnische Stadt Zgorzelec. Bis 1945 waren beide Städte eine Stadt. Nach der deutschen Kapitulation wurde der auf der östlichen Flussseite gelegene Stadtteil Polen zugeschlagen und erhielt einen neuen Namen. Die deutschen Bewohner mussten den Ostteil der Stadt verlassen, Polen aus dem Osten des Landes und aus der Ukraine wurden hier angesiedelt, später kamen politische Flüchtlinge aus Griechenland hinzu. Heute bewerben sich beide Stadtteile gemeinsam um die Nomination als europäische Kulturhauptstadt 2010. Eine wichtige Rolle bei der Nominierung kommt der grossen Görlitzer Synagoge zu.

«Brückenpark» nennt sich das grosse Städtebauprojekt, mit dem die beiden Stadtteile, der polnische und der deutsche, ihre Kandidatur für die Nomination als europäische Kulturhauptstadt eingereicht haben. Im Jahr 2010 darf nämlich Deutschland eine «Kulturhauptstadt» stellen. Entlang der Neisse sollen beidseits des Flusses neue Bauten entstehen, so auch ein Zentrum für Medienkunst sowie ein polnisch-deutsches Literaturhaus. Eine Hochschule mit Studierenden aus beiden Ländern ist schon da. Zentrale Bedeutung im Rahmen des urbanistischen Vorhabens kommt zudem drei Gebäuden aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts zu: Synagoge, Stadthalle und Dom Kultury heissen die Gebäude, bei deren Entstehung stets Mitglieder der früheren jüdischen Gemeinde eine massgebliche Rolle gespielt haben. Ende Januar erst hat eine internationale Jury mit dem Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg und mit dem jüdischen ungarischen Autor György Konrad die beiden Stadthälften aufgesucht, um nach weiteren Besuchen in den anderen kandidierenden deutschen Städten der Bundesregierung eine Empfehlung abzugeben. Ein Besuch der Jury galt auch der Synagoge, in der seit 1938 keine Gottesdienste mehr stattfinden. Denn in Görlitz/Zgorzelec mit ihren insgesamt 100 000 Einwohnern leben keine Juden mehr.

Einzig erhaltene Synagoge Sachsens

Die 1911 eröffnete Synagoge, geplant von den beiden Dresdner Architekten William Lossow und Max Hans Kühne, den Architekten des berühmten Leipziger Hauptbahnhofs erfüllte bloß 27 Jahre lang erfüllte ihre Aufgabe. Sie konnte zuvor den knapp 700 Juden der Stadt mit ihren 550 Sitzplätzen, 220 oben für Frauen, 280 unten für Männer, an den hohen Feiertagen Platz bieten. Bis zur Kristallnacht, als in ganz Deutschland Synagogen in Brand gesetzt wurden und ein junger Nazi eine Fensterscheibe einwarf, Holzwolle im Gebetsraum entzündete und sich eiligst davonmachte. Dem christlichen Hauswart, der im Untergeschoss wohnte, und einem auf der anderen Straßenseite wohnhaften Parteifunktionär der NSDAP ist zu verdanken, dass das hohe Gebäude nicht abgebrannt ist. Heute ist Görlitz' Synagoge die einzige noch erhaltene Synagoge des Landes Sachsen. Nicht etwa aus Respekt vor dem Gotteshaus hatte damals das Parteimitglied die Feuerwehr alarmiert, sondern bloß aus Angst, dass das Feuer auf sein Wohnhaus übergreifen könnte. Am Tag nach der Kristallnacht wurde das Gotteshaus verriegelt und stand zunächst leer. Zwei Jahre zuvor war im Sitzungsraum des Görlitzer Rathauses ein großes Stadtpanorama eingeweiht worden, ein Bild, das Arno Henschel im Auftrag der Stadt gemalt hatte. Auf dem Bild sucht man die Synagoge mit ihrem weithin sichtbaren Turm vergeblich. Auf Druck der Nazis durfte der Maler die Synagoge nicht in sein Panorama aufnehmen. Nach dem Krieg kam die Synagoge vorübergehend als Wohnstätte für Flüchtlinge aus dem Osten zum Einsatz. Zur DDR-Zeit gelangte das Gebäude in den Besitz der kleinen jüdischen Gemeinde von Dresden, weil sich in Görlitz kein Rechtsnachfolger für die Synagoge fand. Von ihr erwarb die Stadt Görlitz das Gebäude.

Görlitz' Synagoge steht inmitten eines Wohnquartiers aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und gleich nebenan liegt der Stadtpark. Von hier aus geht man durch den baumbestandenen Park zur Stadthalle, der grossen städtischen Konzerthalle, und von dort über die Stadtbrücke Bäumen entlang zur Fortsetzung des Stadtparks auf der polnischen Stadtseite zum Dom Kultury, dem Kulturhaus und der einstigen Ruhmeshalle zu Ehren des deutschen Kaiserhauses: Das sind die drei repräsentativsten Bauten der ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts von Görlitz, die ebenso auf eine einst wohlhabende bürgerliche Stadt verweisen wie Deutschlands einziges noch stehendes Jugendstilkaufhaus im Stadtzentrum. Alle drei Bauten sind dringend sanierungsbedürftig: Die dringend modernisierungsbedürftige Stadthalle wurde Ende 2004 geschlossen, die Synagoge wartet auf eine Reihe neuer Veranstaltungen, dem polnischen Kulturhaus fehlt ein überzeugendes Betriebskonzept. Dom Kultury, Stadthalle und Synagoge haben alle drei eng mit der früheren Präsenz der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt zu tun. denn ein Herr Martin Ephraim, Industrieller in dieser Stadt und Mitglied der jüdischen Gemeinde, hat den Bau von Dom Kultury und Stadthalle massgeblich mitbestimmt und finanziell auch ermöglicht.

Berühmte Namen traten hier schon auf

Weil die Juden von Görlitz entweder rechtzeitig weggezogen sind oder – wie der Industrielle und Kunstförderer Ephraim – im KZ umgebracht wurden, kam es nach dem Krieg nicht mehr zur Gründung einer neuen jüdischen Gemeinde. Eine Zeit lang war vorgesehen, den Kuppelbau der Synagoge in ein Hallenschwimmbad umzubauen. Dann wurde erwogen, hier eine Bücherei einzurichten. Als das Theater für die Lagerung der Kulissen einen Ort suchte, erwies sich das Gebäude als besonders geeignet. Ein Umbau für die Kammerspiele war jedoch zu teuer. Das Projekt, an diesem Ort eine Gedächtnisstelle für die Opfer des Zweiten Weltkriegs einzurichten, wurde ebenso fallen gelassen wie die vor einem Jahr lancierte Idee, den Ort als einen Teil eines «Zentrums gegen Vertreibungen» vorzusehen. Das zur DDR-Zeit geplante Museum der Geschichte der Arbeiterbewegung blieb ebenfalls bloß eine Idee, der Einbau von zwei übereinander liegenden Turnhallen wurde nicht ausgeführt, und der Umbau in einen Hörsaal für die örtliche Zweigstelle der Hochschule Zittau-Görlitz wurde ebenso wenig realisiert.

An Ideen zur Nutzung hat es seither nicht gemangelt, nur als Synagoge konnte der Bau seine Bestimmung nicht mehr erfüllen. In den neunziger Jahren galt das Haus als «bespielbare Baustelle». Für eine perfekte Renovation fehlt zwar das Geld, das Gebäude wurde aber so weit in Stand gestellt, dass es Platz für rund 600 Zuschauer bieten kann. Konzerte, Vorträge und Theateraufführungen konnten hier regelmäßig durchgeführt werden. Das auf einer großen Tafel neben dem Gebäude angekündigte europäische Kulturzentrum ist mehr Wunsch als Realität. Die Orgel der einstmaligen liberalen Kultusgemeinde kommt heute auf der anderen Seite der Neiße in der katholischen Bonifatiuskirche in Zgorzelec zum Einsatz. Yehudi Menuhin, der als Kind in der Stadthalle aufgetreten war, ist als alter Mann hier gewesen und hat sich nach einem Konzert von der Akustik der Synagoge sehr beeindruckt gezeigt. Giora Feidman, der mehrmals in Görlitz aufgetreten ist, schätzte das Haus, Wolf Biermann hat hier Katzenelsons Lied vom untergegangenen jüdischen Volk vorgetragen. Und Deutschlands Aussenminister, Joschka Fischer, der hier schon als Vortragender aufgetreten ist, zeigte seine Sympathie für den Bau.

Bald wieder Kurort werden

Das jedoch konnte die städtische Verwaltung nicht davon abhalten, bürokratisch überkorrekt zu handeln. Zwei Konzerte waren im Sommer 2001 im Rahmen des Schlesischen Musikfests von langer Hand in der ehemaligen Synagoge angekündigt. Zehn Tage vor dem ersten Konzert untersagte das Görlitzer Oberbürgermeister die Durchführung der Konzerte im Gotteshaus, weil kurz zuvor die Genehmigung ausgelaufen war, das Gebäude an der Otto-Müller-Straße weiterhin als «bespielbare Baustelle» zu gebrauchen. Bauexperten sollten ausgerechnet während des Musikfests prüfen, wie es um die Fluchtwege und die sanitären Anlagen steht. Und kurz vor der Verleihung des Görlitzer Brückepreises im Oktober 2003 an den ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf erfuhren die Organisatoren zu ihrer Überraschung, dass die Synagoge definitiv nicht mehr zur Verfügung stehe, weil die Brüstung des Balkons gemäß eines Baugesetzes einige Zentimeter zu tief sei. Dabei waren die früheren Verleihungen dieses Preises, der Persönlichkeiten verliehen wird, die sich besonders um den deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Dialog verdient gemacht haben, stets in der Synagoge durchgeführt worden. Eine Gruppe von Museumsleuten aus Görlitz nahm sich vor kurzem der Angelegenheit an und gründete einen Förderkreis Synagoge, in dem öffentlich über die Zukunft des leer stehenden Gotteshauses diskutiert wird. Ein umfangreiches Kulturprogramm zu jüdischen Themen ist zusammengestellt, bald nach der kommenden Oberbürgermeisterwahl soll die Synagoge wieder ein Kulturort werden. Vorgesehen ist auch die Präsentation der Ausstellung «So einfach war das», die vom Jüdischen Museum in Hohenems konzipiert wurde. Der Begriff «bespielbare Baustelle» ist geblieben, auch wenn es zunächst so aussieht, als hätte die Synagoge vorübergehend ausgespielt. Bis sich auf einmal im vergangenen Jahr eine junge Tierärztin zur Überraschung aller meldete und verkündete, dass ein kleines Kreis von zugezogenen eine neue jüdische Gemeinde in Görlitz gründen will. Noch ist die neue Gemeinde nicht gegründet worden. Sollte es aber dazu kommen, ist vorgesehen, dass die kleine Werktagssynagoge allfällige Gottesdienste beherbergen könnte.
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