Beitrag für die Ausstellung «Jewish Vinyl» im Jüdischen Museum Hohenems (A)

Achtung: Dieser Tom Lehrer kann süchtig machen!
«That Was The Year That Was»

Von Michael Guggenheimer

Keine Ahnung mehr, wer die geniale Idee hatte, mir vor fast 50 Jahren diese großartige LP zu schenken. Die Person müsste eine Auszeichnung erhalten. Ich kann mich daran erinnern, dass ich ein Jahr vor dem Abitur die LP That Was The Year That Was nochmals und wieder und immer wieder gehört habe. Und jetzt, da ich sie nach Jahren wieder aus der Plattensammlung im Keller hervorgeholt habe und höre und nochmals höre und wieder höre, stelle ich fest, dass ich ganze Songtexte nie vergessen habe.

Und dass die Musik und die Texte mich schon wieder süchtig machen. Tom Lehrer, amerikanischer Singer-Songwriter, Satiriker und Kabarettist ist ein Großmeister. Gesehen habe ich ihn nie. Aber gehört habe ich ihn. Hundertfach. Nur jemand wie er, der ursprünglich Mathematik studiert hat, konnte ein Lied wie New Maths / Neue Mathematik schreiben. Wie er sich da im Kopfrechnen die Subtraktion 342 minus 173 singend auf zwei verschiedene Arten am Klavier vornimmt, deutet schon an, wie politisch der Mann dachte. Je nach sozialer Herkunft wird beim ihm das Rechnen in den Vereinigten Staaten unterschiedlich erlernt. Heute immer noch? Dieser Frechling, der uns singend den Wechsel vom Zehnersystem auf das Achtersystem vorschlägt, falls wir zwei Finger verloren haben sollten!

Das schnelle Mundwerk dieses Mannes ist am Klavier nicht zu bremsen. Er entlarvt in wunderbar politisch total inkorrekter Weise den nationalen Verbrüderungstag (National Brotherhood Day). Da herrschen hinter einer freundlichen Maske Hass und Neid zwischen Klassen, Rassen und Konfessionen. Er beschreibt, wie Baseball die Zeitungsleser in den Staaten mehr interessiert als Weltpolitik. Er besingt das Wettrüsten atomarer Kleinstaaten, er deckt auf, wie sich Showbiz und Politik damals vermischten (und es heute noch tun), und legt bloß, wie sehr das Obszöne, das Halbseidene auch die Gebildeten süchtig machen kann. «Pornographic pictures I adore. Indecent magazines galore, I like them more. If they're hardcore. Who needs a hobby like tennis or philately? – I've got a hobby: rereading Lady Chatterley» singt er. Und man hört das Publikum klatschen und vor Freude an den Wortwendungen johlen.

Im Jahr 1965, da er erstmals mit seinem politischen Programm die Szene betritt, reißt er den US amerikanischen Außenpolitikern die Maske vom Gesicht – und zeigt, wohin das große Land überall seine Marines entsendet. Noch bis zu Barack Obamas Präsidentschaft gilt Tom Lehrers Text: «When someone makes a move of which we don't approve, who is it that always intervenes? U.N. and O.A.S., They have their place, I guess, But first – send the Marines!» In einer Zeit, da Ökologie noch kein allgemein bekannter Begriff war, thematisiert er Umweltbelastung und Gesundheitsschäden. Und dass Umweltverschmutzung auch exportiert wird, pointiert er in seinem angriffigen Song «Pollution»: «The breakfast garbage that you throw into the Bay – They drink at lunch in San Jose.»

Lehrer nimmt die Politiker seiner Heimat auf die Schippe, wenn er im Lied «Whatever became of Hubert» zeigt, dass Präsident Lyndon B. Johnson keine Ahnung hat, wer sein Vize ist. Lehrer formuliert blitzschnell, schwindelerregend seine Kombination von Klaviermusik und hoher Sprachkunst. Und Jahre bevor Nuklearwaffen nicht nur im Besitz der Großen waren, zählt er alle die Staaten auf, die nach Atomwaffen gieren. Großartig seine Wendung über Atombomben in pseudoarabischen Englisch gesungen: «Egypt's gonna get one, too, Just to use on you know who. So Israel's getting tense, Wants one in self defense. ‚The Lord's our shepherd,’ says the psalm, But just in case, we better get a bomb! Who's next?» Und dass er vor nichts zurückschreckt, beweist er in seinem schmissigen Song «The Vatican Rag», in dem er die seriellen Riten der Frommen beschreibt.

Tom Lehrer tritt schon lange nicht mehr auf. Er war sich zu schade, um auf Tourneen immer wieder und immer wieder die gleichen Songs vorzutragen. Ich kenne einzig seine politischste LP, seine poetischeren Songtexte über das Leben in den Baumwollfeldern der Südstaaten und über das Los der Sklaven habe ich nie gehört. Ebenso wenig seinen Song «Poisoning Pigeons in the Park», den ihm der Kabarettist Georg Kreisler abgeschaut haben soll. Und auch nicht seine explizit «jüdischeren» Satiren, wie «Hanukkah in Santa Monica». Der Schweizer Kabarettist und Musiker Manuel Stahlberger, auch er ein großes Sprachtalent, hat einmal in einem Interview gesagt, dass der Berner Troubadour Mani Matter und der Amerikaner Tom Lehrer ihn beeinflusst hätten. Er habe als Kind im Elternhaus die LP That Was The Year That Was viele Male gehört, damals die Texte zwar noch nicht verstanden. Aber die Stimme, die Kraft in den Texten, die Melodien müssen bei ihm etwas ausgelöst haben. Ja, Tom Lehrer kann süchtig machen! Und das ist eine gute Sucht. Die LP gibt es heute nur noch antiquarisch. Aber man kann Tom Lehrers geniale That was the Year that was auch als CD im Netz bestellen.
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