Aufbau-Magazin, Zürich, April 2005


Zu Besuch in Tel Aviv:
«Jesh Neshek?» – Tragen Sie eine Waffe?

Immer mehr junge Israeli suchen nach dem obligatorischen Militärdienst ihr Glück im Ausland. Wenn sie dann nach Jahren wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, erkennen sie diese fast nicht wieder.

Idit ist in Israel geboren und aufgewachsen, sie ist israelische Staatsbürgerin, sie hat ihr Studium der Ethnologie dort absolviert, sie lebt in einem Dorf in der Nähe von Tel Aviv, ihr Mann ist Jurist, beide haben ein Kind, sie sprechen Hebräisch miteinander. Idit kennt Indien gut und Indonesien, schon während des Studiums hat sie Reisegruppen durch beide Länder geführt. Idit spricht kein deutsch, doch wenn sie in Asien unterwegs ist, reist sie als Deutsche mit einem EU-Pass. Das ist einfacher als mit dem Pass des Judenstaates. Und Indonesien könnte sie als Israeli ohnehin nur unter erschwerten Umständen betreten, denn das Land unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel.

Idit ist eine unter unglaublich vielen Menschen, die in Israel geboren und aufgewachsen sind und die im Ausland als Bürger der EU unterwegs sind. Und es werden noch mehr, seitdem Polen der Europäischen Union beigetreten ist. Tag für Tag erscheint auf der Frontseite der israelischen Tageszeitung Ha'aretz das Inserat einer Anwaltskanzlei mit der Aufforderung, sich mit ihr in Kontakt zu setzen: Wer nämlich Grosseltern nachweisen kann, die aus Deutschland, Österreich oder neuerdings auch Polen stammen, der kann sich erfolgreich um die Staatsbürgerschaft des Ursprungslandes seiner Vorfahren bewerben. Die zweite Intifada mit ihren Attentaten und die wirtschaftlich schwierige Lage in Israel bringen es mit sich, dass sich sehr viele junge Israeli, die die frühere Heimat ihrer Grosseltern nicht kennen, mit den Botschaften europäischer Länder in Tel Aviv in Kontakt setzen.

Lockeres Verhältnis zur Geschichte

Edna, in einem Vorort von Tel Aviv geboren, arbeitet heute in New York als Kindermädchen bei einer jüdischen Familie, der es wichtig ist, dass die beiden Kinder bereits spielerisch Hebräisch lernen. Edna und ihre Geschwister haben alle seit einiger Zeit das Bürgerrecht von Oberhelfenschwil (SG), einer Gemeinde, deren Bürgerrecht ihr Grossvater hatte. Deutsch spricht auch Edna nicht, die Schweiz kennt sie nicht wirklich. Aber es ist leichter, als Schweizerin in der Welt unterwegs zu sein. Ein Pass, so scheint es, ist heute bloss noch ein Reisedokument, das je nach Reiseziel oder Arbeitsort eingesetzt wird. Ein Pass kann aber auch eine Art Sicherheit darstellen für unsichere Zeiten. Tami, bei Nethania nördlich von Tel Aviv aufgewachsen, die in Milano als Industrial Designerin arbeitet, will demnächst die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Ihr Grossvater wurde vor dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Görlitz ausgebürgert, weil er Jude war. Jetzt will Tami in Europa arbeiten, was sie als deutsche Staatsbürgerin mit englischen und italienischen Sprachkenntnissen wird machen können. «Nudelsuppe» und «Kindergarten» bilden den Grundstock ihres sehr beschränkten deutschen Wortschatzes. Nie hätten sich Tamis Grossvater oder Vater in Deutschland wieder einbürgern lassen. Nie hätte sich Idits Mutter einen deutschen Pass zugelegt, wo doch ihre Eltern von den Nazis vetrieben wurden. Die Zeit heilt die Wunden nicht, aber die neue Generation geht sechzig Jahre nach Ende des Krieges lockerer mit der Geschichte um, wenn es um die Möglichkeit geht, zu reisen und im Ausland zu arbeiten.

Urlaub als Marathonlauf

Sie sind jung und sie schwirren aus. Nach der Schule müssen die Jungens drei Jahre, die Mädchen zwei Jahre Militärdienst absolvieren. Nicht alle dienen sie in den besetzten Gebieten, wo sie Gewissenskonflikte plagen und die Gefahr auf jeder Strasse lauert, weil die Besatzungsarmee hier verhasst ist. Die Präsenz des Militärs und der jungen Soldatinnen und Soldaten ist allgegenwärtig, denn das Land befindet sich seit seiner Gründung und noch länger im permanenten Kriegszustand. Kaum haben sie die Zeit im Militär absolviert, setzen sie sich für ein Jahr ins Ausland ab, wo sie der gespannten Situation endlich ausweichen wollen: Waren früher Reisen durch Europa beliebt, so stehen heute Trecks durch Lateinamerika, Indien und Indonesien auf dem Programm. So viele junge Rucksacktouristen aus Israel sind in diesen Regionen unterwegs, dass es in mehreren Ländern schon Hotels und Restaurants gibt, die Israeli für ihre Landsleute betreiben, Treffpunkte, wo Informationen ausgetauscht und von wo E-Mailkontakte zur Familie zuhause gepflegt werden.

Nach einem Jahr kehren sie zurück, absolvieren ihre Studien an einer der Universitäten Israels, um dann angesichts der hohen Arbeitslosenquote den Versuch zu unternehmen, wieder ins Ausland zu ziehen und es dort zu probieren. 750 000 israelische Staatsbürger leben mittlerweile ausserhalb des jüdischen Staates. Und sie kehren regelmässig zurück in ihre Heimat, bleiben dort eine Woche oder zwei, verbringen hier ihre Ferien, wissen, dass es nicht leicht ist, in Israel zu leben und kehren wieder in die USA oder anderswohin zurück. In den Ferien in Israel absolvieren sie einen wahren Marathonlauf, treffen Verwandte und Freunde, sehen ehemalige Schul- und Studienkollegen, gehen intensiv aus, um endlich wieder israelische Filme und Theateraufführungen zu sehen, reisen in Mietwagen durch ein Land, in dem die Touristikindustrie seit drei Jahren eingebrochen ist und wo sie heute eine wichtige Touristengruppe bilden.

Rasanter Wandel

Man trifft sie am Strand von Tel Aviv, wo sie im Dezember oder Februar bei Temperaturen, die in Europa nur im Frühsommer herrschen, mit Begeisterung vom Wetter sprechen. Sie decken sich mit Büchern ein, die mit ins Ausland kommen, sie sind hin und hergerissen zwischen ihrem Wohnort und ihrer Heimat, in welche die wenigsten von ihnen für immer zurückkehren werden. Und sie treffen auf ein Land, das sich in den letzten Jahren so stark verändert hat. Im Mann-Auditorium, der Konzerthalle von Tel Aviv, sitzen sie inmitten von Zuhörern, die zumeist russisch sprechen, Mitglieder der rund eine Million Einwohner zählenden Zuwanderergruppe aus den GUS-Staaten, die in den letzten Jahren die ehemalige Sowjetunion haben verlassen können. Die aus Russland und der Ukraine stammenden Liebhaber klassischer Musik haben nach und nach die aussterbende Gruppe der deutschen und österreichischen Juden ersetzt, die früher das Gros der Zuhörer der Konzerte des Israel Philharmonic Orchestra bildeten. Mehrere russische Tageszeitungen erscheinen in Tel Aviv. Und es kann einem leicht passieren, dass man im Radio zuerst auf russischsprachige Sendungen trifft, bevor man die Nachrichten in der Landessprache hören kann. Die Rückkehrer auf Zeit staunen aber auch über die vielen philippinischen Frauen, die sie in den städtischen Parkanlagen antreffen: Weil sich Israeli nicht mit der nervenaufreibenden Arbeit mit gebrechlichen Betagten abrackern mögen, leben heute tausende von Gastarbeitern aus den Philippinen, aus Rumänien, Bulgarien und Polen in Israel, die sich hier um die pflegebedürftigen Betagten kümmern. Sie wohnen mit ihnen unter einem Dach, sie überweisen ihren Lohn ihren Familien zuhause, sie lernen unglaublich rasch die Landessprache und haben alle am Sonntag frei, der in Israel ein Arbeitstag ist. Gastarbeiter aus Thailand und den Philippinen, die in der Landwirtschaft heute die Palästinenser ersetzen, denen es nicht mehr erlaubt ist, aus den besetzten Gebieten zur Arbeit ins israelische Kernland zu fahren, dürfen einige Jahre in Israel arbeiten, müssen dann aber das Land wieder verlassen. Weil aber die Verdienstmöglichkeiten in ihren Ländern noch weitaus schlechter sind, tauchen nicht wenige in den israelischen Siedlungen des Gazastreifens unter, wo die Fremdenpolizei kaum durchgreifen kann.

Waffen dabei?

Die Zugereisten aus dem Ausland treffen aber auch auf ein Land, in dem Hektik und Wandel den Alltag prägen. Wer ein Jahr nicht in Tel Aviv war, staunt über die neuen Wolkenkratzer, staunt darüber, wie wiederum alte Häuser aus der Bauhaus-Epoche an den Boulevards der Stadt renoviert wurden und muss sich immer wieder von neuem daran gewöhnen, dass an jedem Restauranteingang, vor jedem Warenhaus und Kino ein Wachmann steht, dem der Rucksack, die Hand- oder Einkaufstasche geöffnet und gezeigt werden müssen. Die Selbstmordattentate haben zu einer Wachsamkeit geführt, die keiner mehr missen will. «Yesh Neshek?» heisst die Frage, mit der man nach der Kontrolle und nach dem Abtasten der Kleider mit einem elektronischen Metalldetektor gefragt wird. «Waffen dabei?», bedeutet diese Frage. Wer eine Waffe mit sich trägt, muss seinen Waffentragschein vorweisen, erst dann darf er das Lokal betreten. Regelmässig werden die Türwächter von Kontrolleuren in Zivil getestet. Hat ein Wachmann Leute unkontrolliert oder gar unbefragt mit Waffen durchgelassen, verliert er sofort seine Arbeit und wird das betreffende Lokal für die Dauer mehrerer Tage geschlossen. So geschehen im «Maxim», jenem Lokal in Haifa, das vor anderthalb Jahren von einer palästinensischen Selbstmordattentäterin in die Luft gesprengt wurde, wobei 20 Gäste, Juden, Moslems und Christen, den Tod fanden. «Yesh Neshek?» fragte der Wächter die Studentin am Eingang des Restaurants Marmorek in Tel Aviv, worauf sie antwortete: «Ken, Ha chiuch sheli», «Ja, mein Lächeln!»


Michael Guggenheimer, Publizist in Zürich, lebte bis zu seinem elften Altersjahr in Tel Aviv. Er verbringt jeweils die Weihnachtstage in seiner ersten Stadt, um seine erste Sprache nicht zu vergessen.
› nach oben › zurück zur «texte»-übersicht