St. Galler Tagblatt, 12. Dezember 2002


Träumer, schlafwandelsicher

Soeben ist seine grosse Roncalli-Tournee zu Ende - und am Sonntag erhält Clown Pic den Kulturpreis der Stadt St. Gallen. Warum sind seine Auftritte so beliebt? Womit fesselt er sein Publikum? Mögliche Antworten und ein Blick hinter die Zirkuskulissen.

Mitten in der Zirkusmanege und unter dem rotblauen Chapiteau ragt aus dem Sägemehl heraus das obere Ende einer Rolltreppe der Wiener U-Bahn. Eine umständliche, korpulente Dame mit rosafarbenem Mantel, Wollmütze und einer durchsichtigen Einkaufstüte, in der Klopapierrollen stecken, sucht ihren Weg. Plötzlich fällt ihr Blick auf eine Münze, die auf dem Boden glitzert. Sie schaut unsicher um sich, bückt sich und stopft das Geldstück rasch in ihre Manteltasche, um dann schwebend in den Untergrund zu entschwinden. Kaum ist sie weg, gleitet ein Wichtigtuer in die Höhe, ein geschniegelter Stadtdandy, auf Ausschau nach weiblicher Begleitung. Die Eingangsnummer einer Zirkusvorstellung - Pic ist wieder da. Wir sind unter dem Chapiteau von Bernard Pauls Zirkus Roncalli in Wien vor dem Haupteingang des altehrwürdigen Rathauses am Ring. Imaginäre Reisende ziehen an uns vorbei. Das Zirkuszelt scheint um einen Eingang zum U-Bahn-Schacht aufgestellt worden - seltsam die neuen Blüten der Stadtplanung. Allerdings hat Pic mit einer Konstruktion aus seinem St. Galler Atelier hier etwas nachgeholfen.

Ein ältliches Fräulein im blauen Spitzenkleid wird jetzt an die Oberfläche gespült. Beim Eintauchen in die Tiefe muss sie damit fertig werden, dass die Rolltreppe stecken bleibt. Ein Gelächter wogt durch das Zirkuszelt - wer kennt nicht den Kampf gegen die metallenen Tritte der Rolltreppen, die keinem menschlichen Schrittmass entsprechen. Ein Mann - ein Künstler? Ein Versager? - trottet gleich darauf an uns vorbei. Ein Glückspilz ist er, denn er findet am Boden plötzlich eine 500-Euro-Note, zeigt sie uns stolz und stiehlt sich schnell weg.

Menschen wie du und ich

Das ist eine Szene im berühmten Zirkus, der in diesem Jahr seine 25-Jahre-Jubiläumstournee absolviert hat: Köln, Bremen, Hannover, Münster, Bochum, Aachen, Düsseldorf, Bonn, Hamburg, Wien und München hiessen Pics Halteorte. Und überall begegnen uns seine Grossstadtfiguren, Menschen, wie wir sie kennen. Menschen wie wir: Manchmal unsicher, andere Male arrogant. Und Pics Regieidee sieht vor, dass jeder von ihnen ein Geldstück findet, ein jeder von ihnen anders mit dem Geldfund umgeht. Gar nicht so anders wie du und ich. Hinter all diesen Figuren, hinter den Kostümen und Masken, die er stark gebückt und in rasend schneller Folge wechseln muss, steckt derselbe Körper, derselbe feine Beobachter allzu menschlicher Alltagssituationen, der seinen Weg in St. Gallen begonnen hat und wieder in Deutschland und Österreich auf grossen Plakaten im blauen Sternenkleid mit der Seifenblase zu sehen war. «Pic ist wieder da», hiess es auf den Plakaten. In Wien war sein staunendes Gesicht überall zu sehen. Die Vorstellungen in München, dem Abschlussort der Tournee am vergangenen Sonntagabend, waren alle restlos ausverkauft. Mit dem «Saloncirkus Roncalli» war Pic erstmals vor zwei Jahrzehnten unterwegs. Die Schweiz kennt ihn als Clown in der «Knie»-Manege und von seinen Auftritten als Solokünstler in zahlreichen Theatern zwischen Altstetten und Biel. In Deutschland ist er auch alleine und mit anderen Schauspielern in Theatern und im Fernsehen aufgetreten: Wintergarten Berlin, Neue Oper Frankfurt, Ronacher Wien, Kammerspiele München, Gloria Theater Köln. Im Jahr 2000 stand Pic wieder vor der Wahl: Entweder mit dem Cirque du Soleil durch Nordamerika oder mit dem Zirkus des österreichischen Varietékönigs Bernard Paul alias Clown Zippo durch Deutschland und Österreich zu touren. Den Entscheid für Europa gab seine Tochter.

Der lyrische Clown

Am Montag ist er mit seinem Lieferwagen von München zurückgekehrt. Ohne Huhn Bibi, das die Herzen des Zirkuspublikums erweichen liess. Pic ist in seinem Winterquartier, in seinem Proberaum in St. Gallen. Jetzt ist Zeit, sich Elemente für das neue Soloprogramm auszudenken und sie einzustudieren. Der ehemalige Schüler von Jacques Lecoq liebt und kennt beide Auftrittsformen: Die rasche Abfolge eines Zirkusprogramms, die Einbettung in einer Nummernfolge mit anderen Artisten, und die Möglichkeit, in einem Theater alleine mit einer eigenen Geschichte aufzutreten. Oft habe ich den Test gemacht: Ich erzähle vom Clown mit der grossen Seifenblase, nenne bewusst seinen Namen nicht, forme mit meinen Händen die Seifenblase in der Luft nach - und schon wissen meine Gesprächspartner, wen ich meine: «Ah Clown Pic.» Oder auch: «Der lyrische Clown». Und manchmal auch: «Ah, der Träumer» und «Der Clown mit dem Huhn!». Ja, das ist er: Pic, der mit seinen winzigen und riesigen Seifenblasen eine Fülle von Formen und Farben entstehen lässt, der mit dieser Nummer Staunen und Stille herbeizaubert. Ein Clown, der nicht derb ist. Einer, dessen Figuren nie Versager sind, einer, der niemanden lächerlich macht, einer, der nicht herfällt über die anderen, sondern der Clown, der uns selber nachzeichnet mit unseren schrulligen, sympathischen und schwachen Seiten auch. Einer, der uns schmunzeln lässt über uns selbst.

Glöckchenkonzert

Der rote Vorhang geht auf, und Pic tritt zu den Klängen des Zirkusorchesters tänzelnd in weisser Kellnerjacke und rotkariertem Gilet in die Manege ein, ein rundes Serviertablett schwebt durch die Luft, elegant mit der Linken in Balance gehalten und mit einer silbernen Haube wie im Fünfsternlokal zugedeckt. Gäste der ersten Reihe dürfen nur kurz unter die Pickelhaube schauen. Und dann das Staunen der 1500 Besucher im Zelt: Auf dem Tablett stehen Glocken und Glöckchen unterschiedlicher Grösse. Pic setzt sich auf einen roten Stuhl inmitten der Manege und beginnt zögernd, dann immer gewagter mit den Glöckchen eine Melodie zu spielen, seine Hände wechseln unglaublich schnell von einem Glöckchen zum nächsten Ton. Und als der Applaus verebbt ist, schwebt der Kellner dem Manegenrund entlang, verteilt vertrauensvoll seine Glöckchen im Publikum, eilt - nein: schwebt vielmehr - sogar die Ränge hinauf und reicht eine Glocke einem verdutzten Zuschauer in der obersten Reihe. Und dann beginnt das erstaunlichste Musikstück des Abends: Pic im Zentrum der Manege dirigiert mit feinsten Gesten das Glockenorchester. Eine feine Melodie entsteht. Mit dem Anheben einer Augenbraue gibt Pic das Zeichen zum Anspiel, mit einem Wippen seines linken Schuhs folgt ein Signal, das einer Frau in der Parkett-Loge gilt, mit einem Achselzucken merkt eine Glockenspielerin, dass jetzt sie gefordert ist. Nur dem Mann in der obersten Reihe muss er wie ein Athlet den Einsatz wie eine Lanze zuwerfen. Man staunt über das ausdrucksstarke Minenspiel dieses Mannes mit dem langen Gesicht. Pic zeigt den Zirkusbesuchern: Zirkus ist mehr als nur Akrobatik, Tiernummern und Clownspässe.

Wagen Nummer 29

Zwei Jahre lang war Pic nicht zuhause. Zwei Jahre lang war der hölzerne Zirkuswagen mit der Nummer 29 seine winzige Wohnstatt. Sein Zuhause wenige Quadratmeter gross, Teil einer Wagenburg rund um das Zirkuszelt. Mal mitten in der City, andere Male auf einer Wiese am tristen Stadtrand. Sein Wohnwagen eine Enge: Ein Bett, ein Stuhl, ein kleiner Tisch, eine alte Kommode, hinter einer Bretterwand eine Badewanne, ein Klo und eine Kochstelle. Aufgeschlagene Bücher auf dem Bord, an der Wand Ansichtskarten: Zirkusbilder von Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmann. Drückend heiss ist es im Zirkuswagen im Sommer, eiskalt im Winter, da der kleine Elektroofen kaum etwas gegen den eisigen Wind ausrichten kann. In Köln, wo sein Wagen neben dem Zirkuszelt inmitten der Stadt auf dem verkehrsreichen Neumarkt stand, war es im Wageninnern so laut, als würde die Strassenbahn mitten durch Pics Schlafzimmer fahren. Um zwischendurch ausschlafen zu können, musste er ein Zimmer in einer Pension beziehen. In Wien gleich vor dem stolzen Rathaus stationiert, konnte Pic im gegenüberliegenden Grand Café Landtmann das Abstiegsdrama seines geliebten grün-weissen Fussballklubs in den Zeitungen mitverfolgen. Und in München am Rande der Grossbaustelle des Hauptbahnhofs an der Arnulfstrasse musste er mit dem Lärm riesiger Baumaschinen aufstehen.

Traum und Realität

Wohnen und Arbeiten im Zirkus: Das ist nicht nur Zirkusromantik. «Vergessen Sie den Alltag, lassen Sie Ihre Sorgen draussen liegen», verkündet Weissclown Maximo zum Programmauftakt. Das kann das Publikum. Die Artisten aber müssen proben. Jeden Morgen schaut der Clown und Mime zu seinem Huhn: Huhn Bibi in die Hand nehmen, streicheln und ihm gut zureden, abends während der «Hühner-Hugo-Nummer» doch bitte wieder ein frisches Ei zu legen. Pic, zu leicht beschwingter Zirkusmusik die Manege betretend, liess den Alltag wirklich vergessen. Wir sahen eine rote Parkbank und einen Städter mit Schirmmütze, der eben bei «Hühner Hugo» ein Brathuhn gekauft hat. Wie er genüsslich dieses braun-knusprige Huhn aus der Tüte holt, sich auf sein Essen freuend, tritt plötzlich der rasende Koch Petit Gougou mit seinem grossen Küchenmesser auf, gefolgt von seiner englischen Kellnerin, der ein geflohenes Huhn sucht. Pic verliert beim Anblick der Kellnerin sein Essen an den Koch und gewinnt wie durch ein Wunder ein lebendes Huhn, das im Manegenrund landet. Und er entlässt aus Mitleid das Huhn in die Freiheit - das ihm seinerseits ein frisch gelegtes Ei schenkt.

Sklavenarbeit

Pic, dem Theaterstücke und Kunstmuseen wichtig sind, ist in den letzten zwei Jahren in Städten aufgetreten, wo Thalia, Residenz, Kammerspiel und Burg, Kampnagel, Sammlung Ludwig und Museumsquartier locken. Er war stets da - und doch nicht. Denn Zirkusarbeitszeiten ähneln in nichts dem bürgerlichen Leben mit Freizeit und Museumsbesuch, mit Konzertabenden und Schlendern im Stadtpark. Zirkusartisten, man vergisst es leicht in der Romantik der Plüschsessel und der Angst um die Akrobaten unter der Kuppel, sind Sklaven, die Dauerleistungen erbringen müssen. Zirkus wird nicht von Kulturstiftungen oder staatlichen Förderern unterstützt, weder von Banken noch sonst gesponsert - das Überleben entscheidet sich in der Manege und an der Zirkuskasse. Zirkus ist Alltagskampf um Spielwiesen, Standorte, Strom- und Wasseranschlüsse. Jonglieren, Üben, Schminken und die Pflege der Requisiten fallen in die wenigen freien Stunden. Wunderbar der Pierrot Pic mit seinen langsam entstehenden Seifenblasen im Scheinwerferlicht und im Applaussturm - unvorstellbar beengend die reale Existenz der Artisten. Pic ist zurück. Und schon rufen Agenten an, fragen, wann er wieder Zeit für Auftritte hätte, wie seine neuen Nummern aussehen. Doch bevor Pic wieder packt, muss er zu dem neuen Programm, das er vor zwei Jahren zu gestalten begonnen hat, neue Elemente hinzuerfinden.
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