Erschienen in
in «die schönsten schweizer bücher», mai 2007


Jan-Tschichold-Preis 2006 an Tania Prill und Alberto Vieceli
Von Buch zu Buch so anders

Im Rahmen des Wettbewerbs «Schönste Schweizer Bücher» verlieh die Jury dem Grafiker- und Buchgestalterteam Tania Prill und Alberto Vieceli in Zürich den Jan-Tschichold-Preis 2006 in der Höhe von 15'000 Franken. Mit diesem Preis ergreift das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) die Möglichkeit, zwei Gestalter für ihre hervorragende Leistung im Bereich der Buchgestaltung auszuzeichnen.

Es gibt Bücher, bei denen ahnt man bereits beim Betrachten des Einbands, wer sie gestaltet haben könnte. Man öffnet ein solches Buch und weiss sich bestätigt, weil man verwandte Lösungen desselben Ateliers bereits vor Augen gehabt hat. Anders verhält es sich bei den Büchern, die Tania Prill und Alberto Vieceli gestalten. Tania Prill und Alberto Vieceli ziehen nicht einen einzig-eigenen Stil durch, sie passen sich bei den von ihnen gestalteten Büchern jeder Aufgabe, jedem Thema und jedem Autor neu an, sie beherrschen die klassischere Buchgestaltung, nehmen aber ebenso aktuelle Tendenzen auf und sind empfänglich für Anregungen von aussen. Die von ihnen gestalteten Bücher können nicht nur im Inhalt, sondern gerade auch im Format, in der typografischen Ausführung, in der Bildpräsentation, in der Haptik und im Gewicht sehr unterschiedliche Leser ansprechen. Tania Prill und Alberto Vieceli, die seit 2001 im gemeinsamen Atelier für visuelle Kommunikation arbeiten, gestalten nicht nur Bücher: Auf Anhieb können sie sich gar nicht daran erinnern, welche ihre erstes gemeinsame Arbeit war. Und dann fällt ihnen doch das erste gemeinsame Projekt ein, jene 30 Plakate umfassende Ausstellung mit dem Titel «Stand der Dinge», mit der das Amt für Hochbauten der Stadt Zürich im Ausstellungsraum EWZ an der Sihl über Wohnprojekte informiert hat. Ihr aktuellstes Projekt ist die typografische Gestaltung von Begleittexten einer Ausstellung zur Schweizer Diplomatie im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich.

Die erste Buchpublikation, die die beiden zusammen gestaltet haben, ist das 2002 im Kontrast Verlag herausgegebene Buch «Khadi –Textiles of India». Ein Text- und Bildband über das handgesponnene und handgewobene indische Tuch Khadi. Fotograf Manuel Bauer dokumentiert in seinen Bildern die Arbeitsprozesse rund um Khadi und die Arbeiten namhafter indischer Modedesigner, die mit Khadi arbeiten. Die Publikation präsentiert den gesamten Ablauf der Stoffproduktion. «Khadi – Textiles of India» wurde von der Jury «Schönste Schweizer Bücher» prämiert, weil es ohne anbiedernden Ethno-Look in einer poetisch-textilen Anmutung die indische Textilherstellung in atmosphärisch dichter Weise zeigte.

Die Werkstatt von Tania Prill und Alberto Vieceli befindet sich im früheren Atelier des Typografen Hans-Rudolf Lutz in einer ausgedienten Buchbinderei an der Sihl - in einem Zürcher Quartier, das sich in den letzten Monaten stark gewandelt hat. Auf der anderen Flussseite ist vor kurzem im Schatten von wuchtigen Autobahnpfeilern das riesige Shopping- und Kinocenter «Sihlcity» entstanden. Wenn die beiden Gestalter zu den Atelierfenstern hinausschauen, sehen sie nicht nur das neue Center, sondern auch einen Koffer von Roman Signer, der unter dem Autobahnviadukt und hoch über dem Wasser der Sihl schwungvoll eine ewig gleiche Reise macht. Alberto Vieceli, der vor seiner Zweitausbildung den Beruf des Hochbauzeichners gelernt hat, war bereits vor dem Zusammenschluss mit Tania Prill als Buchgestalter tätig: «staat sex amen», Beat Gloors augenzwinkernde Sprachbeobachtungen, hat er gestaltet, ein Buch, das 1999 im Wettbewerb «Schönste Schweizer Bücher» ausgezeichnet wurde. Auch die Gestaltung von Beat Gloors anderem Werk «Die Tage gehen vorüber und klopfen mir nur noch nachlässig auf die Schulter» hat Vieceli besorgt: Während Jahren notierte Autor Beat Gloor, was ihm tagtäglich an Bedenkenswertem und Kuriosem begegnete. Sein 365 Tage umspannendes Buch ist ein ewiger Kalender, in dem er seine Fundstücke zu hintersinnigen und witzigen Zeilen verdichtet hat.  Ein Buch mit vielen Funktionen: Lesebuch, Tischkalender, Nachschlagewerk, Zettelkasten, Tagebuch, Notizblock. Die durchgängige Perforierung inmitten des Buches lädt zum Abreissen der einzelnen Tage ein, zum Verschicken und Verschenken einzelner Kurztexte.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Gestalterteam Prill / Vieceli mit einem Preis ausgezeichnet wird: Alle zwei Jahre vergibt die Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich den Leistungspreis für exemplarische Arbeiten von AbsolventInnen und Absolventen, die frühestens drei und spätestens zehn Jahre nach Abschluss der Ausbildung entstanden sind. Der Preis ist eine Anerkennung für wegweisende Leistungen im Bereich Design, Kunst, Medien und Vermittlung. Im Jahr 2006 wurde der zweite, mit 10'000 Franken dotierte Preis dem Gestalterteam Prill & Vieceli für ihre auch in der Schweiz bereits vielfach preisgekrönten Buchgestaltungen, Plakatentwürfe und typografischen Konzepte zugesprochen.

Tania Prill unterrichtete an den Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern, Zürich und Bern und ist heute Professorin für Kommunikationsdesign an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Auch wenn Alberto Vieceli Plakate und Flyers für verschiedene Filmverleiher entwirft, die Arbeit an Büchern liegen ihm besonders am Herzen. Im ihrem Atelier nimmt die Gestaltung von Büchern für mehrere Verlage einen zentralen Platz en. Prill & Vieceli engagieren in ihrem Atelier immer wieder Praktikantinnen und Praktikanten aus verschiedenen Hochschulen für Gestaltung, deren Namen bei jedem ihrer Projekte vermerkt wird.

So bescheiden das Textilbuch «Khadi» daherkam, so reich präsentiert sich das von beiden 2005 gestaltete und ebenfalls prämierte Buch «1000 Peace Women. Across the Globe», das auch vom Kontrast Verlag herausgegeben wurde: Über 2209 Seiten weist dieses politische Handbuch auf, das mit seinen leichten Dünndruckseiten an ein Telefonbuch erinnert. Auf jeweils einer Doppelseite werden die 1000 für den Friedensnobelpreis 2005 nominierten Frauen porträtiert. Von jeder im Band vorgestellten Frau gibt es nebst einer Fotografie eine Biografie, eine Beschreibung des jeweiligen Engagements für die Menschenrechte und einen Überblick über die politische Situation im entsprechenden Land. Das ganze Buch in Schwarzweiss liegt trotz seines Umfangs und seines Gewichts gut in der Hand. Die beiden Gestalter erinnern sich noch heute daran, unter welchem Druck sie dieses Buch innert zweier Wochen hatten herstellen müssen, kamen doch Texte und Bilder aus der ganzen Welt als Maildokumente in Zürich an. 5.8 Zentimeter dick ist der Buchblock, 3 Millimeter mehr, und die Buchbinderei hätte das Projekt angesichts des Volumens nicht ausführen können!

Wieder ganz anders ist das 2006 vom Kunstmuseum Bern beim Benteli Verlag herausgegebene Buch «Cécile Wick Weltgesichte / Visions du monde» Man nimmt die grossformatige Monografie der Schweizer Fotografin in die Hand und staunt über die Leichtigkeit des reich illustrierten, auf poröses Papier gedruckten Buches. Die Texte sind als graues, luftiges Schriftbild gesetzt, sie stehen den schwarzweissen und farbigen Landschafts- und Naturabbildungen in harmonischem Verhältnis gegenüber. Ebenfalls im Jahr 2006 ist beim Verlag für moderne Kunst in Nürnberg mit «Nachtstücke» eine weitere Publikation zu Cécile Wick erschienen, deren Gestaltung die beiden besorgt haben: Auf Munken Print Papier im Handformat und mit einem schwarzen Hardcover gedruckt wechseln sich Texte von Nadine Olonetzky mit Fotografien von Cécile Wick, die für ihre innovativen fotografischen Experimente wie z.B. das Spiel mit der Unschärfe bekannt ist. Hier wird wieder deutlich: Tania Prill und Alberto Vieceli arbeiten aus dem vorhandenen Material heraus, sie sichten es sehr genau und passen die Gestaltung dem jeweiligen Thema mit viel Sorgfalt an. Jedes von ihnen gestaltete Buch entsteht in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Herausgebern. Die von ihnen gestalteten Publikationen sind in ihrem Charakter sehr unterschiedlich, einen auf Anhieb erkennbaren Personalstil, wie es ihn früher in der Schweizer Buchgestaltung lange gegeben hat, pflegen sie ebenso wenig wie die anderen in den letzten Jahren erfolgreichen Schweizer Ateliers für visuelle Kommunikation, die in der Buchgestaltung derzeit auffallen.

Kaum zu glauben, dass die im selben Jahr wie Cécile Wicks Buch hergestellte Publikation «Hot Love – Swiss Punk & Wave 1976-1980» im selben Atelier entworfen wurde. Das von Lurker Grand zusammengestellte und von der Edition Patrick Frey im Jahr 2006 edierte grossformatige Werk wurde zum «Buch der Jury» erkoren. Die Buchgestaltung von «Hot Love» - das Eintreffen und Verarbeiten des reichen Materials dauerte anderthalb Jahre - knüpft an die Punk-Ästhetik an. Dazu die Jury: «Die rebellisch anarchistische Stimmung der Schweizer Punk- und Wave-Bewegung erhält gewissermassen 30 Jahre später ein visuell kraftvolles Revival in Buchform, dies vorwiegend in adäquatem schwarzweiss Look.» Zum Buch werden zwei Plakate in Weltformat mitgeliefert, auf denen die vielen Bands und Gruppierungen, die Geografie und Geschichte des Punks in der Schweiz im Überblick zu sehen sind. Ein halbes Jahr nach Erscheinen des zweisprachigen Bands machen sich die Prill & Vieceli daran, das ursprünglich in Deutsch und Französisch erschienene Buch für eine englische Edition vorzubereiten. Mit Lurker Grand haben sie für den Berliner Verlag «Vice Versa» und für den renommierten spanischen Architekturverlag «Actar» bereits 2004 das Buch «Berlin – City in Space» entwickelt. Die Farbbilder des Schweizer Fotografen Tobias Madörin zeigen Berliner Bauten der Zeit von 1950 bis zum Ende der 70er Jahre. Kein Mensch ist auf diesen Architekturfotos zu sehen. Weil die Vorgabe Lurker Grands war, den Bildband als Anlass für Berliner Entdeckungsspaziergänge auch für Architekturtouristen aus dem Ausland nutzbar zu machen, haben die beiden Gestalter drei Taschenbücher entworfen, mit denen Architekturflaneure deutscher, englischer und spanischer Sprache die neue Hauptstadt Deutschlands durchstreifen können. Diese begleitenden Publikationen liegen dem grossen Band jeweils bei, Querverweise ermöglichen den Lesern zwischen Bild- und Textinformation hin- und herzupendeln. Gleichzeitig mit der Gestaltung des Punk & Wave Buches widmeten sich die beiden Gestalter der Arbeit am repräsentativen Band «Hans Finsler und die Schweizer Fotokultur», der vom Verlag des Museum für Gestaltung Zürich und vom gta Verlag Zürich als klassisches Fotografenbuch aus Anlass der ersten umfassenden Ausstellung zum Schweizer Werk von Hans Finsler herausgegeben wurde. Das Buch wird mit drei ganz wichtigen Fotografien von Hans Finsler eröffnet: Bilder, die drei verschiedene Perioden seines Schaffens repräsentieren. Texte und Bilder werden einander gegenübergestellt. In den zwei mittleren Buchteilen fliessen die Bilder von einem zum nächsten, in einem anderen Teil sind den erläuternden Texten auf der rechten Seite jeweils Bilder zugeordnet. Die gestalterische Feinarbeit, die derjenigen des Meisterfotografen Finsler ähnelt, ist äusserst präzis, die ganze Aufmerksamkeit wird den Bildern geschenkt, die Bilder stehen im Zentrum, nichts lenkt von deren Betrachtung ab. Mit Martin Gasser und Thilo Koenig, den beiden Herausgebern des Werks, haben die Buchgestalter eine ästhetisch-fotografische Spur gelegt, die nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet wurde. Als Tania Prill und Alberto Vieceli nach vollendeter Gestaltungsarbeit die grosse Finsler Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung zu sehen bekamen und dort weitere Fotografien entdeckten, die sie bei der Vorbereitung des Buchs nicht zu Gesicht bekommen hatten, war ihnen klar, dass sie ebenso gut ein weiteres und anderes Buch gestalten könnten. Gewiss könnten sie das, so vielfältig sind ihre Ideen.
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