Schriftenreihe TUDpress, Mai 2006


Neuen Spuren im Bekannten nachgegangen
Annäherungen an Görlitz

(erschienen Mai 2006 in: Denksalon Revitalisierender Städtebau, Schriftenreihe Stadtentwicklung und Denkmalpflege des Kompetenzzentrums Revitalisierender Städtebau / Masterstudiengang Denkmalpflege und Stadtentwicklung der TU Dresden; Schriftenreihe TUDpress)

Unter der Oberfläche die verborgenen Eigenschaften und Chancen der Stadt suchen: Dies ist mein Ansatz. In einem Buch mit dem Titel «Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft» habe ich versucht, Fremden, Zugezogenen und Einheimischen in Miniaturen die Stadt zu zeigen, Ich glaube an die Zukunft dieser Stadt. Und ich glaube daran, dass Ensembles von früher mit neuem Leben und neuen Inhalten gefüllt werden können. Zeichen von früher können neu interpretiert werden. Die Kandidatur als europäische Kulturhauptstadt sowie deren bevorstehende Behandlung in Brüssel bilden eine Chance und können der Stadt neue Perspektiven geben. Noch fehlt in Görlitz aber das Gefühl des Aufbruchs. Kein leichter Spaziergang daher.

Erzählt mir jemand, er habe vor, Görlitz zu besuchen, lege ich ihm stets ans Herz, mit der Bahn hinzufahren. Ankommen im Görlitzer Bahnhof ist ein Erlebnis: Die hohe Halle mit den goldenen Kronleuchtern, das Betreten der Stadt über die leicht abfallende Berliner Strasse mit ihrer so geschlossen wirkenden Bebauung zu beiden Seiten und mit den Türmen der Peterskirche im Hintergrund, der Weg in die Altstadt auf diesem vornehm wirkenden Entree mit seinen stattlichen Bankgebäuden und der Jugendstilpassage, ankommen am Postplatz mit dem in Weiss strahlenden ehemaligen Hotel Victoria, vorbei gehen am Jugendstilkaufhaus hin zum Lebensmittelmarkt in der baumbestandenen Allee zu Füssen des Dicken Turms, hinüber zum Obermarkt als Vorbühne des Untermarkts gehen, dem Herzen der Altstadt. Das ist mein Bild vom Ankommen in Görlitz. Eine Stadt, die unversehrt den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Eine Stadt, der die Jahre der DDR die Substanz nicht haben rauben können, weil sich seinerzeit ein Widerstand gegen den Abbruch historischer Bauensembles formiert hatte.

Die Realität des Ankommens aber sieht anders aus: Die Zahl der Fernzüge, die in Görlitz überhaupt ankommen, hat in den vergangenen Jahren drastisch abgenommen. Den Zug von Frankfurt bis Warschau und weiter nach Moskau über Görlitz gibt es nicht mehr. Vergessen ist jene Zeit, da hier sogar Züge aus Paris anhielten! Die psychologisch wichtige – weil länderverbindende – direkte Zugverbindung Dresden-Breslau über Görlitz ist ebenso eingestellt worden wie die mehrmals täglich funktionierende direkte Bahnverbindung mit Berlin. Bahnhöfe erleben zwar auch in Deutschland ein Revival, sie werden zu Shoppingmalls und zu eigentlichen «RailCities» umgebaut. Doch davon ist Görlitz nicht betroffen, auch wenn das Architekturensemble – bestehend aus ehemaliger Hauptpost und Bahnverwaltungsbau – einst zu den vornehmsten Bahnhöfen der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland zählte: Die Görlitzer Bahnhofshalle wirkt heute leer und verwahrlost. Das ehemalige Bahnrestaurant Mitropa ist nicht mehr bedient, Läden in der Bahnhofshalle sind geschlossen worden, die Fahrkartenschalter sind nach ihrer Umplatzierung kaum mehr sichtbar. Ein Zeitungsgeschäft an der Seite, eine steril wirkende Blumenhandlung, ein Backwarenstand und eine Ansammlung biertrinkender Männer. Das ist da geblieben, wo nur noch Regionalzüge anhalten. Und dann der Vorplatz des Bahnhofs und die Berlinerstrasse. Tristesse und Öde: Ein Geschäftslokal nach dem anderen geschlossen, leere Schaufenster, die Hotels von früher nicht mehr in Betrieb. Die Geschichte jenes grossen Hotels direkt gegenüber des Bahnhofs, in dem die hochbetagte Besitzerin ganz alleine in zwei Hotelzimmern wohnt, ist keine amerikanische Short Story, sondern Görlitzer Realität. Der Bahnhof von Görlitz ist eine Leerstelle. Und die obere Berlinerstrasse auch. Der Bau neuer Einkaufszentren am Stadtrand, der Bevölkerungsschwund und die fehlende Einkaufskraft dürften ebenso Gründe für diesen Wandel sein wie die abnehmende Bedeutung des Bahnverkehrs. Es wird nicht leicht sein, die obere Berlinerstrasse wieder mit Leben zu füllen. Für diesen Bereich müssten wohl andere Inhalte gesucht werden, Läden werden es wohl auf lange Zeit nicht sein. Aber mit den Läden liesse sich etwas machen.

Kaum einer mehr also, der in Görlitz mit der Bahn ankommt. Unterwegs vom Westen her nach Görlitz: Eine neue Autobahn, Kolonien von Windrädern am Horizont, weite Felder, vorderhand noch kaum Verkehr, hier ist man locker mit 160 Kilometern in der Stunde unterwegs, an der Stadtsilhouette von Bautzen vorbeigeflitzt.

Kurz vor der Grenze zu Polen kommt die Abzweigung und dann die Einfahrt in die Stadt. Schicht um Schicht. Zunächst die neue Aussenhülle der Stadt, die uniformen Einkaufszentren aus der Zeit nach der Wende. Es ist wie anderswo und verwechselbar. Die Fahnen mit den Logos der Firmen flattern im Wind. Parkplätze für Hunderte von Autos vor den niedrigen Bauten am Stadtrand: Möbelhäuser, Autogaragen, Do-it-yourself-Centers, Hornbach, Markkauf, McDonalds. Dann die lang gestreckten Wohnsiedlungen aus den 70- und 80-Jahren, Zeichen des industriellen Bauens der DDR-Jahre, anschliessend die Fahrt durch Strassen aus den Gründerjahren, das 19. und 18. Jahrhundert am Obermarkt und schliesslich Ankunft im Stadtkern am Untermarkt: Pflastersteine lösen den Asphaltbelag ab. Ein Hauch von früher und von DDR. Renaissance und Gotik, Bauten wie auf Ansichtskarten, renovierte farbige Hausfassaden, immer häufiger sind Touristengruppen anzutreffen, die sich von – auch kostümierten – Stadtführern die Bauensembles zeigen lassen. Ein Touch von Museumsstimmung. Seitdem die Stadt als mögliche europäische Kulturhauptstadt 2010 im Gespräch ist, hat die Zahl der Tagestouristen, die hier Halt machen, deutlich zugenommen. Baudenkmal an Baudenkmal. Es ist heute und doch auch früher. Epochen berühren sich in dieser Stadt. In einer Zeit, in der sich immer mehr Städte gleichen, bleibt Görlitz in ihrem grossen inneren Kern mit ihrer Altstadt und mit den Gründerzeitquartieren unverwechselbar. Gerade diese Unverwechselbarkeit kann Gütesiegel und Markenzeichen in einer Zeit sein, da immer mehr Städte sich ähneln und austauschbar–ähnliche Erlebnisse vermitteln. Und gerade diese Qualität ist im Rahmen der weiteren Entwicklung der Stadt zu pflegen. Dabei müsste den Gründerzeitquartieren mit ihrer Ausstrahlung in Zukunft noch mehr Beachtung geschenkt werden.

Die glatte Normierung, die so viele Städte im Würgegriff hält, ist in Görlitz nur ansatzweise eingezogen. Görlitz strahlt noch Eigenheit aus, Identifikation mit dem Echten ist hier möglich. Görlitz, eine Mittelstadt mit guter urbaner Kultur: Theater, Strassentheaterfestival, Jazztage, Konzerthalle, Musikfestwochen, Bibliotheken, Stadtpark, Museen, Hochschule, ein Jugendstilkaufhaus mit Lichthof, eine Einkaufspassage aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, ein Sinfonieorchester, ein repräsentatives Postamt. Ein Bürgertum hat bis in die Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts in Görlitz Kunst und Lebensstil beeinflusst und angeregt, die Spuren jener Zeit sind noch erlebbar. Ein Bürgertum, das in den Jahren der DDR verschwunden ist. Und doch: Irgendwo muss da noch ein unbekannter Anhänger dieses Görlitzer Bürgertums sein, jener Mensch, der jedes Jahr die berühmte 'Altstadtmillion' der Stadt überweist, damit die Häuser der Altstadt noch schöner werden.

Die Farben der renovierten Häuser täuschen jedoch. Spätestens beim Spaziergang zu Fuss wird klar: In jeder Strasse deuten Aufschriften von Bauunternehmen und Maklerfirmen darauf hin: Die Stadt an der Neisse weist so viel leeren Wohnraum auf, dass hier kaum neue Bauten entstanden sind. Weshalb auch? Um sich zeitgenössische Architektur anzuschauen, muss niemand in Görlitz anhalten. An jeder Strasse eine Fülle leerer, renovierter Wohnbauten aus vergangenen Zeiten. An jeder Strasse stehen leere Ladenräume, sind Wohnungen zu vermieten. Der Wegzug von über 20 000 Menschen aus der Stadt ist sichtbar. Hier ist Platz, hier ist Wohnraum vorhanden. 9000 leere Wohneinheiten sollen es sein, nicht alle in gutem Zustand zwar. Die Lokalzeitung führt in ihrer Onlineausgabe – übrigens als einzige unter allen Zeitungen Sachsens – sogar im redaktionellen Teil eine Rubrik mit, in der das Wohnen in Görlitz und Wohnraum angepriesen werden. Ein Leerraum, der zu füllen wäre. Abwanderung und Arbeitslosigkeit sind die beiden grossen Themen dieser Stadt. Und so lange polnische Bürger, die in Zgorzelec wohnen, wo eine akute Wohnungsnot herrscht, sich nicht in Görlitzer Wohnungen einmieten können, werden die sanierten Wohnungen leer bleiben. So schnell wandert der Westen nicht in den Osten aus.

Leere ist ein Görlitzer Thema. Die Synagoge, für 700 Gemeindemitglieder erbaut, ist leer. Das Kondensatorenwerk am Fluss – früher arbeiteten hier sogar Gastarbeiter aus Polen – gleicht einer Ruine. Die ehemaligen Werkhallen der Eisenbahnwaggonfabrik stehen leer, das neue Werk der kanadischen Bombardier ist zwar bestens ausgelastet, aber für die alten Hallen hat sich keine Verwendung finden lassen. Die Stadthalle, stets als grösste Konzerthalle zwischen Dresden und Breslau gepriesen, ist leer und bleibt unbespielt. Das Dom Kultury auf der polnischen Seite ist ebenfalls nur zeitweise richtig genutzt. Das Areal der ehemaligen Kahlbaumklinik, der ersten Privatklinik Deutschlands für Epileptiker, verlassen. Das Freisebad mit seinen Dampfbädern seit langem trocken. Wird demnächst auch das Jugendstilkaufhaus leer sein? Die genannten Bauten sind gewissermassen Symbolbauwerke für das beginnende 20. Jahrhundert in Görlitz, sie stehen auch für Bürgerstolz, hatten seinerzeit eine identitätsstiftende Silhouettenfunktion. Auf diese Bauten darf Görlitz nicht verzichten, ihre Instandstellung und neue Bespielung ist dringend. Es ist richtig, dass ihnen gemeinsam im Rahmen der Pläne für eine Kulturhauptstadt 2010 eine wichtige Planungs- und Leitfunktion zukommt. Leere als Thema. Welch eine Chance aber auch für neue Ideen! Wie lassen sich diese Leeren neu füllen, welchen neuen Zwecken könnten sie neu dienen?

Görlitz ist vorerst ein starkes Seherlebnis. Doch nicht nur. Wer mit offenem Ohr in der Stadt unterwegs ist, nimmt schnell wahr: Es ist Deutschland – und doch ist noch eine andere Sprache zu hören. Es gibt Strassenzüge und Orte, wo das Polnische einen werktags ständig begleitet: Die untere Berlinerstrasse, die Strassburg-Passage, das Jugendstilkaufhaus, die Fussgängerachse durch den Stadtpark, das Naturkundemuseum. Polnisch dauernd im Ohr und doch kaum sichtbar. Die Hinweistafeln an den Strassenecken alle in Deutsch, die Ladenaufschriften auch. Auf der anderen Flussseite wohnen im polnischen Stadtteil Zgorzelec über 40 000 Menschen, die eine andere Sprache sprechen, doch nichts deutet in Görlitz darauf hin, dass drüben so nah ist, nichts weist darauf hin, dass hier eine Europastadt – so nennen sich beide Städte gemeinsam – mit zwei Sprachen ist. Und auf der anderen Seite des Flusses, in Zgorzelec? Im grossen Einkaufszentrum ist die deutsche Sprache sehr gegenwärtig. Hier lässt sich der Euro besser einsetzen. An allen Tankstellen in Zgorzelec wird mehr deutsch als polnisch gesprochen. Dafür sorgt der tiefe Benzinpreis. Deutsch immer wieder. Vor dem Dom Kultury und auf der neuen Fussgängerachse dem Ufer entlang zwischen der Altstadtbrücke und der Stadtbrücke. Seitdem die neue Altstadtbrücke in Betrieb ist, die Görlitz mit Zgorzelec verbindet, treffen sich Deutsche in den Gaststätten des polnischen Stadtteils. Am Tisch nebenan sitzen Polen, beide Sprachen sind zu hören, doch nur wenige Deutsche können den Gesprächen am Nebentisch folgen. Das polnische Personal versteht deutsch. In den deutschen Gaststätten ist das Personal noch nicht so weit, hier ist die Sprache des Nachbarn noch fern.

«Geldwechsel», «Zigaretten» und «Möbel» sind die deutschsprachigen Ausdrücke, die man in Zgorzelec lesen kann. Mehr nicht. Polnisch wiederum ist in Görlitz kaum zu sehen. Hier lernt man Englisch, nur selten Polnisch. Wie sehr sich die beiden Stadthälften den Rücken zeigen, wird deutlich, wenn es um Auskünfte geht: In Zgorzelec weiss niemand, wann die Züge von Görlitz aus nach Bautzen fahren. Und in Görlitz ist es kaum möglich, Auskünfte über den öffentlichen Verkehr in der polnischen Nachbarschaft zu erhalten. Görlitz und Zgorzelec bewerben sich aber gemeinsam um den Status einer europäischen Kulturhauptstadt. Damit nicht die Idee aufkommt, hier handle es sich bloss um einen deutschen Trick, mit dem man mit polnischer Hilfe die Nomination zu erreichen suche, müssten die beiden Hälften der einstigen einen Stadt in der gemeinsamen Aussendarstellung endlich vorwärts machen. Was fehlt, ist ein echtes gemeinsames Stadtmarketing, dem entnommen werden könnte, dass hier eine multikulturelle Stadt entsteht. Und soll die auf dem Papier so faszinierende Idee einer bi-kulturellen Stadt auch überzeugen, bedarf es zumindest zweisprachiger Strassenschilder und Hinweistafeln zu beiden Seiten des Flusses. Man soll sich daran gewöhnen, dass hier zwei Sprachen nahe beieinander sind. Auch wenn die beiden Sprachen nicht über Jahrhunderte hinweg so gemeinsam gewachsen sind und sich verzahnt haben wie im schweizerischen Biel. Es müssen dennoch Zeichen gesetzt werden: Hier spricht und versteht man zwei Sprachen, die Nachbarn können miteinander sprechen, hier wächst Europa zusammen. Zweisprachige Stadtprospekte, die zweisprachige Wochenbeilage der Lokalzeitung, zweisprachige Projekte aller Art, zweisprachige touristische Erläuterungstafeln. Es ist höchste Zeit. Die Zweisprachigkeit könnte übrigens ein Marketing-Argument für diese Stadt sein, könnte Interesse für ein Modell erzeugen.

Görlitz. Die Bauten sind alt. Aber die Farbschichten sind neu. Neu auch die Schaufenster, die Ladenaufschriften und viele Strassennamen. Fünfzehn Jahre haben gereicht, um die Stadt durchgehend mit neuen Namen und Bezeichnungen zu versehen. Verschwunden sind die Produkte, mit denen man hier aufgewachsen ist. Wer kennt noch Markennamen wie Leumikor, Perdol, Vatol, Imi, Inka, Duett und Sprachlos? Nike und H&M, C&A und all die anderen sind hier längstens eingeführt. Verschwunden und verwischt sind auch jene Strassennamen, die der deutsch–russischen und deutsch–polnischen Völkerfreundschaft gewidmet waren. Wo lag der Karl-Marx-Platz? Wo, bitte, geht’s lang zum Platz der Befreiung? Wo liegt der Park der Thälmannpioniere? Was ist aus der Boleslaw-Bierut–Strasse geworden? Wer kennt noch den vollen Wortlaut der Buchstabenkombinationen HO und EVP? Und sind die Otto-Grotewohl-Schule, die Wilhelm-Pieck-Oberschule und die Karl-Liebknecht-Schule abgerissen worden? Auf einem alten Stadtplan ist sogar noch eine Adolf-Hitlerstrasse zu sehen. Und ein Hindenburgplatz. Und wie kam es zu den neuen Ortsteilbezeichnungen Weinhübel und Hagenwerder? Zwei längst etablierte Namen, die erst in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden sind. So vieles aus der Geschichte der Stadt ist aus dem Bewusstsein gründlich geleert worden. Auch das KZ Biesnitzer Grund gehört zu den Leerstellen. Hier waren einst 1500 Arbeitssklaven untergebracht. Ein Gedenkstein an einer Strassenecke weist zwar darauf hin, aber kaum jemand weiss etwas über das Leid an jenem Ort Bescheid, wo heute Kleingärtner ihre Blumen und ihr Gemüse pflegen. Nicht unähnlich jenes Leidensareal auf der anderen Flussseite, dessen Namen noch auf den heutigen Stadtplänen eingetragen ist: Stalag. Geschichte von früher. Schichten, die zugedeckt wurden.

Eine Stadt ist da. Im Krieg nicht zerstört. Im letzten Moment vom Planungswahn eines verschwundenen Staates gerettet. Altstadt, Jahrhundertwende-Quartiere, Neubausiedlungen und draussen die Einkaufszentren. Ein intaktes Stadtbild. Eine Stadt, die Chancen hat, ein Jahr lang europäische Kulturhauptstadt zu spielen und so schon lange vorher die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine Stadt, die sich gleichzeitig darum bewirbt, im UNESCO-Katalog der besonders schützenswerten Ensembles aufgenommen zu werden. Jetzt gilt es, die Leerstellen zu füllen. Die Idee der Kulturhauptstadt ist eine Chance, sie kann neue Projekte generieren, die nach aussen gerichtet sind, zugleich aber nach innen wirken. Neue Leute von aussen und Einheimische können gemeinsam ein Projekt entwickeln, der Stadt zu neuen Ideen verhelfen. Zugezogene und Einheimische – bei weitem nicht alle Stadtplaner und Architekten – haben in den letzten Jahren gemeinsam neue Zeichen gesetzt. Das Zusammengehen dieser beiden Kräfte ist eine der grossen Chancen dieser Stadt. Vorhandenes mit neuen Inhalten füllen: Die Börse, der Schönhof, die Ratsapotheke, der Waggonbau, die örtliche Brauerei, 24help im Viktoriagebäude, das Theater, das Kompetenzzentrum Revitalisierender Städtebau sind einige Beispiele für dieses Zusammengehen von Görlitzern und solchen, die sich in Görlitz niedergelassen haben. Mit neuen Projekten, getragen von Menschen, die in Görlitz aufgewachsen sind und von Zugezogenen kann das dringend nötige Gefühl von Aufbruch und Innovation in einer Stadt, in der manchmal resignativer Rückzug zu spüren ist, zu einer Bewegung werden. Es ist anzumerken, dass viele Görlitzer die Vorzüge ihrer Stadt und ihrer Region nicht sehen, die Zugezogenen aber entdecken die Vorzüge und werden nicht müde, auf sie hinzuweisen.

Industrie wird sich in Görlitz in den kommenden Jahren nicht mehr ansiedeln. Es ist nicht anzunehmen: Autos, Kameras und Textilien werden billiger und in nicht minderer Qualität andernorts im Osten hergestellt. Auf die polnische Kundschaft in den Läden ist in Zukunft nur noch bedingt zu hoffen, da die deutschen und internationalen Handelsketten dabei sind, den Markt in Polen mit ihren Filialen abzudecken. Aber der Tourismus, neuerdings angekurbelt durch die Bewerbung als Kulturhauptstadt, könnte weitere Arbeitsplätze und Einkommen mit sich bringen. Zunächst ist der Charme der Stadt da. Und dann: Görlitz ist Ausgangspunkt von Reisen in Erinnerungsgebiete im Osten. Zwei Tage in Görlitz: Altstadt und Gründerzeitviertel, das nahe Herrnhut, die Gärten von Pückler–Muskau. Und die in Görlitz beginnenden Reisen ins nahe Schlesien, ohne dass Görlitz zu einem Ort der rechten Schlesientümelei geworden ist. Aber noch fehlt so vieles. Es beginnt mit Kleinigkeiten: Die touristischen Wegweiser in Görlitz stehen in scharfem Kontrast zu allen von Tourismusfachleuten entwickelten Regeln der Besucherführung und choreographieren den Besuch der Stadt nach Zeichen, die schwer lesbar und nicht logisch sind. Stadtführungen konzentrieren sich auf die Altstadt, es fehlen thematische Führungen, die Einmaligkeit der Gründerzeitquartiere wird touristisch und im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt nicht gepflegt, ein signalisierter Rundgang ist ebenso wenig vorhanden wie ein Faltprospekt mit einem eingetragenen Stadtrundgang.

Görlitz ist eine Stadt in einer Periode der Übergänge. Da gab es jenen Übergang von der DDR zur Bundesrepublik. Und den Übergang der sich schrittweise öffnenden Grenze nach Osten hin bis hin zum Beitritt Polens zur EU und der psychologisch auch so wichtigen Einweihung einer neuen Altstadtbrücke über die Neisse. Die Kandidatur der beiden Stadthälften, der deutschen Stadt Görlitz und der polnischen Stadt Zgorzelec als gemeinsame europäische Kulturhauptstadt bedeutet einen Schritt in eine gemeinsamere Zukunft. «Botschaft Görlitz» nenne ich mein Programm für diese Stadt. Görlitz hat eine Botschaft, die sie vermitteln kann. Es gilt Zeichen zu setzen und Leerstellen zu füllen. Es beginnt beim Ankommen. Stadt und Land müssen sich mit aller Vehemenz dafür einsetzen, dass Görlitz als Begegnungs- und Übergangsort von West und Ost wieder besser mit öffentlichen Transportmitteln erreichbar wird. Mehr und schnellere Züge. Und Langstreckenzüge müssen her. Es muss mit der regelmässigen direkten Verbindung Dresden-Breslau beginnen. Und dann muss die Stadt am Rand zu einer Stadt auf der Achse werden: Von Frankfurt über Görlitz nach Breslau. Und später gleich von Basel aus. Und von Prag über Liberec nach Berlin. Es wird vielleicht nicht möglich sein, die Hotels vor dem Bahnhof und an der Berlinerstrasse wieder zu beleben. Und solange der Bahnhof kaum eine Bedeutung hat, wird es auch den leeren Ladenflächen in der oberen Berlinerstrasse nicht anders ergehen. Ein Magnet muss her an die obere Berlinerstrasse. Eine Institution, die man aufsuchen muss. Zwischennutzungen müssten her, um diesen Stadtteil, die Avenue der Ankunft, zu beleben.

Architektur alleine revitalisiert keine Stadt. «Botschaft Görlitz» darf aber nicht auf der architektonischen Ebene stecken bleiben. Die zweigeteilte Stadt ist eine Stadt mit zwei Sprachen. Sie müssen eine Annäherung erfahren. Zahlreiche Polen sind Tag für Tag im deutschen Stadtteil unterwegs. Und viele Deutsche halten sich im polnischen Stadtteil auf. Das muss sichtbarer gemacht werden. Amtsbezeichnungen, Hinweistafeln, Aufschriften aller Art sind nach einem noch zu entwickelnden System auf beiden Seiten der Neisse und in beiden Stadtteilen aufzustellen. Hier muss erlebbar werden, wie zwei Bereiche Europas sich näher kommen. Die Zweisprachigkeit gehört in die Shoppingcenters ebenso wie in die Schulen. Die beiden Kommunen müssen einen Anfang setzen: Wer bei der öffentlichen Hand angestellt ist, muss die Sprache des Nachbarn zumindest lernen und verstehen. In der zweisprachigen Stadt Biel in der Schweiz gibt es eine 'Madame Bilingue'. Und ein ganzes Programm, mit dem die Zweisprachigkeit gefördert wird. In Görlitz/Zgorzelec muss es Anreize geben für Menschen, die beide Sprachen beherrschen. Ein Programm der Zweisprachigkeit muss her! Ein Beauftragter für die Zweisprachigkeit in Görlitz und eine Kollegin in Zgorzelec mit derselben Aufgabe. Der Austausch zwischen den beiden Stadtteilen muss auf allen Ebenen intensiviert werden. Das Theater Görlitz zeigt den Weg, indem es über eine Spielstätte in Zgorzelec verfügt und regelmässig polnisches Theater in Görlitz bietet. Das Ziel muss sein: Deutsche verstehen die Sprache des polnischen Nachbarn. Und Polen verstehen die Sprache ihres Nachbarn. Zumindest verstehen!

«Botschaft Görlitz» ist mehr als Kultur und Architektur, findet aber ihren Ursprung immer wieder in der gebauten Stadt. Für die Kahlbaumklinik mit ihrem grossen Park und den leeren Pavillons setzt sich eine Gruppe von Fachleuten ein, die hier eine privat finanzierte gerontopsychiatrische Institution einrichten will, die Deutschen und Polen offen stehen soll. Die Stadt als Besitzerin des Areals müsste das Gelände und die Gebäude für einen symbolischen Preis der zu gründenden Gesellschaft überlassen, damit die privaten Investoren ihr Projekt aufnehmen können. Ein Ausbildungsgang für Betagtenbetreuer könnte hinzukommen. Bis zu 150 Arbeitsplätze sehen die Pläne einer Arbeitsgruppe des Sozialpsychiatrischen Dienstes für das geplante Gerontopsychiatrische Zentrum vor, in dem Alzheimer–Patienten betreut werden könnten. Görlitz wurde einst mit einem spöttischen Unterton «Pensionopolis» genannt. Ausgediente Offiziere und Beamte liessen sich vor hundert Jahren in der Stadt nieder, viel Bildungsbürgertum. Die Bürgermeister von damals konnten ihre wohlhabende Klientel mit Steuervorteilen locken, man investierte in Kultur, Theater, Bibliotheken und Parkanlagen. Die Zeiten haben sich geändert, die Gesellschaft altert heute mehr als zur Zeit von Pensionopolis vor hundert Jahren. Die Stadt im Osten schrumpft, gerade ihre Übersichtlichkeit könnte sie attraktiv für Ruheständler machen. Pensionierte aus dem Westen können sich in Görlitz den Erwerb von Wohnungen und Häuser leisten. Auf diese Weise könnte sich auch der erschreckend hohe Leerwohnungsbestand reduzieren lassen. Die fussgängerfreundliche Stadt könnte ältere Menschen anziehen. Alter ist heute ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, auch für junge Menschen, die Dienstleistungen erbringen oder an der örtlichen Hochschule Soziale Gerontologie studieren könnten. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber die Bereitstellung von verschiedenen Angeboten, die älter werdenden Menschen helfen. Das Alter ernst nehmen und ältere sowie junge Leute anlocken, so müsste ein Programmpunkt lauten. An die ältere Generation müsste aber auch im Bereich der touristischen Bemühungen vermehrt gedacht werden: Wer heute den Touristengruppen in Görlitz zuschaut, der erkennt unschwer, dass Görlitz gerade auch ältere Reisende anzieht. Görlitz ist nicht der Ort hipper Paraden und lauter Discos. Die Stadt strahlt den Charme von früher aus, ihre Denkmäler sind für die ältere Generation attraktiver als ihre Dancings, Bars und Jazzlokale. Eine Untersuchung der Universität St.Gallen aus dem Jahr 2005 zeigt, dass die Tendenz, mehrmals im Jahr eine Reise zu unternehmen, gerade bei den über 65 Jährigen steigt: Pensionierte haben nicht nur Zeit, sondern auch zunehmend die Energie und das Geld für Reisen.

Es gilt, die Leerstellen zu füllen! Das gilt auch für Synagoge und Stadthalle. Seit über 60 Jahren dient die Synagoge nicht mehr als Gotteshaus. Bürokratische Überlegungen haben dazu geführt, dass das Gebäude, das während mehrerer Jahren als «bespielbare Baustelle» für Vorträge und Konzerte genutzt werden konnte, wieder geschlossen wurde. Einer allfällig zu gründenden jüdischen Gemeinde ist die Möglichkeit anzubieten, den Raum der Werktagssynagoge zu nutzen. Gleichzeitig ist die Synagoge wieder als ein kultureller Ort freizugeben. Der «Görlitzer Brückenpreis», mit dem Persönlichkeiten geehrt werden, die sich für die Verständigung über die Sprach– und Landesgrenzen hinweg zwischen Deutschland, Polen und Tschechien einsetzen, wurde früher in der Synagoge verliehen. Das waren feierliche Zeremonien an einem symbolträchtigen Ort. Die Synagoge muss wieder zu dem werden, wofür sich ein Verein in Görlitz einsetzt: zu einem Ort kultureller Veranstaltungen, zu einem Begegnungs– und Ausstellungszentrum. Und der «Görlitzer Brückepreis» muss noch mehr als ein bedeutender Preis des europäischen Dialogs herausgearbeitet und bekannt gemacht werden.

Ein Zentrum für zeitgenössische Kunst ist für Görlitz gedacht. Noch ist kein Sammler gefunden, der seine Schätze in eine leerstehende Liegenschaft nach Görlitz bringen will. Zeitgenössische Kunst könnte über die Ansiedlung von Künstlerinnen und Künstlern in den grosszügig dimensionierten Wohnungen und ehemaligen Fabriken stattfinden. Das Modell einer zeitlichen Partnerschaft zwischen regionalen und eingeladenen auswärtigen Künstlern könnte ein Weg sein, Austauschateliers mit Ausstellmöglichkeiten. Die Kombination von Wohnungen und Läden bietet sich auch an, wie es sie in London etwa gibt: Oben im Haus die Wohnung und unten im leerstehenden Laden im Erdgeschoss das helle Atelier oder die Künstlergalerie. Die Polin Anita Pasikowska, die in leerstehenden Läden in Görlitz gearbeitet hat, könnte die erste einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern gewesen sein, von einheimischen und zugezogenen. Die in den Ateliers arbeitenden Künstlerinnen erhalten die Möglichkeit, die hier entwickelten Projekte auszustellen.

Künstlerische Zukunft und kulturelle Erinnerung liegen in Görlitz nahe beisammen. Das Schlesische Museum zu Görlitz wird ein kultureller Magnet werden. Zweifellos. Und auch die Städtischen Kunstsammlungen, die sich in den letzten Jahren schrittweise von einem Depot zu einem Labor entwickelt haben, könnten dank einiger Spezialitäten, über die sie verfügen, sowie mit Hilfe einer noch zu leistenden Modernisierung, Besucher anlocken. Weshalb nicht an der Nahtstelle zwischen Polen und Deutschland einen Ort einrichten, der sich mit den Jahren der DDR und der sozialistischen Völkerfreundschaft befasst? Zur Realität des neuen Europa gehört auch das Bemühen, die Erinnerung an die Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Zusammenbrechen der Jahre des Sozialismus als gemeinsame Erfahrung. Die DDR-Jahre werden immer mehr zu einer Leerstelle, den jungen Menschen und den Besuchern aus dem Westen ein Rätsel und Faszinosum zugleich. Die Identität der DDR-Jahre entgleitet immer mehr, aber sie gab es hier während über vierzig Jahren: Solimarken, Jugendbrigade, Subbotnik, Jugendweihe, Hausbuch, Kreisspartakiade, SERO-Annahmestelle, Heinrich-Rau-Traditionswoche, Essensgeldkassiererin, Freundschaftsrat, Thälmannpioniere, Beirette, Robotron und ORWO: Codes und Chiffren von früher könnten in einem neu zu gründenden Ort gezeigt, erläutert und erlebbar gemacht werden. Weltweit ist die Zahl der historischen Museen in den letzten Jahrzehnten angestiegen. Das heisst: Im Rahmen der weltweit ausgerichteten Erinnerungskultur, bei der es immer auch um Werte der Beurteilung der Gegenwart geht, gewinnt die Inszenierung der Geschichte an Bedeutung. Nicht Nostalgie sollte einem solchen Projekt Pate stehen, eher Erkenntnisinteresse. Wie war es wirklich um die Vollbeschäftigung jener Zeit bestellt? Das könnte gerade da interessieren, wo heute eine hohe Arbeitslosigkeitsrate herrscht. Wie und weshalb haben damals Menschen Material gehortet, das sich irgendwann einsetzen liess? Das könnte gerade dort erlebbar gemacht werden, wo polnische Materialsammler jeden Tag auf der Strasse mit ihren Handkarren zu sehen sind. Wie stand es um das Gemeinschaftsgefühl damals? Das müsste gerade dort erzählt werden, wo die Angst vor der Arroganz der neu Zugezogenen aus dem Westen herrscht. Wer in Zgorzelec oder Görlitz der Neisse entlanggeht, dem begegnen die Grenzmarkierungen mit ihren Nationalfarben zu beiden Seiten des Flusses immer wieder. Auch wenn hier im Rahmen einer Staatengemeinschaft Grenzen mit den Jahren aufgeweicht werden, verläuft die Grenze zwischen Sprachen und Kulturen mitten durch die Stadt, ist Geschichte sichtbar. Gerade an der Nahtstelle zweier Sprachen, zweier Länder und zweier Geschichten könnte eine Aufbereitung der Geschichte von Wegzug und Ankunft spannend erlebbar gemacht werden. Ost-Görlitz, das heutige Zgorzelec, hat in wenigen Jahren seine gesamte Identität verändert und ist den alten Bewohnern fremd geworden, ohne den neuen Zuwanderern sogleich zur Heimat zu werden. Moderne Orte der Auseinandersetzung gleichen Laboratorien. Görlitz/Zgorzelec könnten ein deutsch–polnisches Laboratorium werden, ohne dass ein Museum der Vertreibungen gegründet werden müsste.

Im Rahmen der Bewerbung um den Status einer Europäischen Kulturhauptstadt 2010 bemühen sich die Initiatoren der Bewerbung um die Präsentation zeitgenössischer Kunst in Görlitz und Zgorzelec. Noch hat es zeitgenössische Kunst in Görlitz nicht leicht. Noch bedarf es der Gewöhnung, wie erste Präsentationen heutiger Musik und visueller Kunst gezeigt haben. In Görlitz ist noch eine Dünnhäutigkeit, ein Misstrauen modernen Kunsttendenzen gegenüber festzustellen, sie ist verwandt mit jener vorauseilenden Mutlosigkeit, die man nicht selten in Gesprächen mit Einheimischen antrifft. Es ist dies eine Reaktion der Angst – eine Angst vor dem Neuen, eine Angst vielleicht auch vor der ungewissen Zukunft, die paralysiert. Gerade aber im Bereich der Künstlerateliers und der Museen liegen Chancen, die es zu ergreifen gilt: es ist heute eine einschneidende Veränderung in der Museumslandschaft festzustellen. Die immer grössere Präsenz privater Stiftungen. Der ganze europäische Ausstellungsbetrieb ist dabei, sich zu wandeln. Vor ein paar Jahren ist noch alles öffentlich gewesen, jetzt öffnet jeden Monat ein neues privates Museum. In Görlitz müsste man sich um eine Kooperation in diesem Bereich bemühen, um einen neuen kulturellen Magneten in die Stadt an der Neisse zu holen.

Und falls ein Museum, in dem der Geschichte der DDR-Jahre und der Zeit der Völkerfreundschaften und der deutsch–polnischen Nachbarschaft nachgegangen werden könnte, zu steinern ist; hier ein weiterer möglicher Einstieg zur «Botschaft Görlitz»: Görlitz und Zgorzelec sind beide Sitz eines grossen Internetdienstleisters, der Menschen am Computerbildschirm und am Telefon rund um die Uhr Auskünfte in deutscher und in polnischer Sprache bietet. Das Internet boomt bekanntlich im Osten Europas. Könnte nicht gerade von Görlitz aus ein neues grenz- und kulturenüberschreitendes Online-Angebot betrieben werden? Das Schlesische Museum zu Görlitz zeigt mit seinem monatlichen Online-Newsletter, wie so etwas gemacht werden könnte. Görlitz verfügt über eine Hochschule, an der zukünftige Kulturmanager und Informatiker ausgebildet werden. Görlitz liegt an der Sprachgrenze. Und weil Tschechien so nah ist, liesse sich doch über den Zittauer Sitz der Hochschule und allenfalls in Zusammenarbeit mit einer verwandten Institution im nahen tschechischen Liberec eine Kooperation erreichen. Denkbar wäre die parallele Herausgabe einer Zeitschrift, die der heutigen «Silesia Nova» gleichen könnte, die bereits in Görlitz herausgegeben wird und deren Themen grenzübergreifend sind. In einem solchen Onlinedienst und in einer gleichzeitig erscheinenden Zeitschrift könnten Autorinnen und Autoren aus dem Dreiländereck oder aus Polen und Deutschland Texte publizieren, in denen es um die Nachbarschaft geht, in denen Modelle des Zusammengehens gezeigt werden. Es geht hier um einen Austausch von Texten, Ideen – und um ein Diskussionsforum, das eine Ausstrahlung nach Ost und nach West haben könnte.

Weil in Görlitz kaum Hinweise auf bekannte Persönlichkeiten zu finden sind, die hier aufgewachsen sind oder hier eine Zeit ihres Lebens verbracht haben, gilt es die Leerstelle Geschichtsbewusstsein zu füllen. Wer war der Schwede August Fröding, der in Görlitz gelebt hat? Was verband den Expressionisten Otto Müller mit Görlitz? Welche Beziehung gab es zwischen den renommierten Kunsthändler Paul Cassirer und Görlitz? Wie hat der französische Komponist Olivier Messiaen in Görlitz gelebt? Wer war die aus Görlitz stammende österreichische Sozialreformerin Hildegard Burjan? Weshalb hielt sich Goethes Minna Herzlieb wirklich in Görlitz auf? Was verbindet den deutschen Autor Arno Schmidt mit der Stadt? Welche Beziehung besteht zwischen der berühmten amerikanischen Künstlerin Maria Nordman und Görlitz? All dies muss sichtbarer werden in der Stadt. Die Stadt birgt Geschichten, die sie wenig zeigt. Dabei könnte sie mit ihrer Geschichte, mit ihren Geschichten Menschen zu Hinschauen, zum Hinhören, zum Verweilen und zum Forschen anlocken. Sogar Görlitz' berühmtester Bürger, der Schuhmacher und Philosoph Jakob Böhme, wird immer noch zu dilettantisch und verschämt in seiner Stadt präsentiert. Bewusstsein für eine Stadt und der Stolz über die eigene Stadt werden auch von Geschichten und gemeinsamen Erinnerungen und Erfahrungen mitgetragen. Kulturelles Erbe und Bewusstsein ist mehr als die Ansammlung schöner Bauten. Görlitz muss noch mehr zeigen, wo ihre Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit liegt, die sich in Architektur und im Wirken von Menschen zeigt.

In Görlitz neuen Spuren im Bekannten nachgehen. Der Blick darf sich nicht auf die Innenstadt beschränken, sondern muss sich auch auf die nahe Umgebung ausweiten. Da ist zunächst die Flusslandschaft zu nennen. Noch kehren beide Stadthälften der Neisse den Rücke zu. Noch wird der Fluss nicht als Identifikations- und Erlebnislandschaft verstanden. Es ist an der Zeit, dass auf deutscher und polnischer Seite gemeinsam planerische Massnahmen in Angriff genommen werden, mit denen die Ufer zu beiden Seiten der Neisse jene Bedeutung erhalten, die sie verdienen. Bessere Spazierwege, Ruderboote, Fussgängerbrücken, ein Café mit Flussterrasse: Es gab sie alle schon früher. Ein Spaziergang von der Altstadtbrücke bis zur Stadtgrenze im Süden ist vorderhand sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite noch wenig attraktiv.

Der Blick auf die Landschaft muss sich aber auch auf den Stadtrand richten. Auf jenes Gebiet, wo bis vor wenigen Jahren noch Kohle gefördert wurde. Südlich von Görlitz soll irgendwann zwischen 2007 und 2008 der Berzdorfer See zum Segeln und zum Schwimmen einladen. Noch gibt es diesen See erst ansatzweise, noch wird Tag und Nacht Wasser in ein Becken gefüllt. Ein Yachthafen, mehrere Strände und ein Campingplatz sollen Teile eines neuen Naherholungsgebiets mit Touristenattraktionen und Freizeitstruktur in Stadtnähe werden. Wälder und Wiesen, Wanderwege und Naturlehrpfade sollen dereinst die neue Landschaft prägen. See und Waldlandschaft sollen Touristen anlocken und neue Arbeitsplätze schaffen, auch neue Bewohner in die Region locken. Görlitz könnte in Zukunft nicht nur wegen des schönen Stadtensembles ein Anziehungspunkt sein, sondern auch wegen einer stadtnahen Erholungs-, Freizeit- und Sportlandschaft attraktiv sein. Das Seebecken wird an seiner tiefsten Stelle 60 Meter aufweisen. See und Wälder des neuen Görlitzer Naherholungsgebiets werden sich dort erstrecken, wo während vierzig Jahren, in der Zeit zwischen 1958 und 1998, Braunkohle gewonnen und Energie für Sachsen erzeugt wurde. Hagenwerder 1 bis 3 hatten die mächtigen Kraftwerke geheißen, die zehn Prozent von Sachsens Elektrizität geliefert hatten und in Sehdistanz vom Görlitzer Stadtteil Weinhübel angesiedelt waren. Vier hohe, graue Kühltürme und vier 100 Meter hohe Hochkamine – sie sind alle mittlerweile verschwunden – bildeten die Wahrzeichen von Hagenwerder. 6000 Arbeiter waren in den Kraftwerken und im Kohleabbau beschäftigt. Rund die Hälfte von ihnen hat in Görlitz gewohnt. So intensiv wurde in Hagenwerder Kohle gefördert, dass rund um die Uhr im Dreischichtbetrieb gearbeitet wurde. 1998 sind die Kraftwerke und der Braunkohleabbau stillgelegt worden. Die «Dreckschleuder von Hagenwerder», früher bei bestimmten Windverhältnissen in Görlitz sehr deutlich zu riechen, gehört der Vergangenheit an. Wer in Görlitz schon lange genug lebt, kann sich noch gut an jene Staub- und Rußschicht erinnern, die an manchen Tagen auf den Autos lag. War in Görlitz nachts Schnee gefallen, lag morgens jeweils eine feine graue Staubschicht auf der Schneedecke. Heute wird im Berzdorfer Becken wieder gearbeitet, doch diesmal heissen Landschaftsverwandlung und Rückführung die Stichwörter. Die Bulldozer haben Böschungen angelegt, die später einmal Strände sein werden. Eine verletzte Landschaft soll zu einem landschaftlich reizvollen Raum werden. Mittel der Europäischen Union und des Bundes stehen zur Verfügung. Seit geraumer Zeit bietet sich ein breiter Ausblick von dort, wo vor wenigen Jahren noch die Häuser von Deutsch–Ossig standen. Ein weiterer Aussichtspunkt beim Wasserschloss Tauchritz, von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau–Verwaltungsgesellschaft (LMBV) gebaut, bietet einen Blick über das gesamte Bergbauareal. Das Schloss Tauchritz sowie die verbliebenen Bauten von Deutsch-Ossig werden landschaftlich reizvoll zu liegen kommen. Eine Wiedergutmachung für die Jahre, in denen die Bewohner der Stadt unter den starken Immissionen von Hagenwerder hatten leiden müssen. Das schwarze Dreieck, so der Name des Dreiländerecks im Südosten von Sachsen, gehört für Görlitz der Vergangenheit an, auch wenn die polnischen Kraftwerke von Turów in der Nähe von Zittau immer noch in Betrieb sind.

«From the middle of nowhere to the heart of Europe» heisst ein Slogan der Bewerbung von Görlitz um den Status einer Europäischen Kulturhauptstadt. Ich zitiere den Künstler Douglas Gordon: It has only just begun! Und noch ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung: Der Schweizer Ausstellungsmacher Hans-Ulrich Obrist sagt in einem Interview: «Offenheit. Mein Job ist es, das Unmögliche möglich zu machen. Wenn Alighiero Boetti mir sagt: Ich will in einem Flugzeug ausstellen, dann ist es nicht mein Job, zu sagen: Oh, das ist schwierig, sondern zu sagen: 'Let's do it'. Und es zu versuchen. Wenn der Wille stark genug ist, funktioniert es in der Regel auch».
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