Erschienen im st.galler Tagblatt vom 22. 9. 2012


Zwei Ostschweizer Drucker als Highlights in Korea
Die Bartträger aus Vättis zeigen Gutenbergs Kunst
Von Michael Guggenheimer, Cheongju (Korea)

Sie leben und arbeiten im 400 Einwohner zählenden Dorf Vättis im Taminatal im Kanton St. Gallen und sind das Highlight dieser Woche in der 600 000 Einwohner zählenden südkoreanischen Stadt Cheongju südlich von Seoul. Das beginnt mit ihrem Aussehen: In einem Land, in dem Einheimische kaum je einen Bart tragen, schauen die Passanten neugierig Stephan Burkhardt und Hans-Ulrich Frey mit ihren exotisch wirkenden dichten Bärten nach. Von morgens bis abends herrscht zudem stundenlang ein Gedränge um die beiden Schweizer, die derzeit das Hauptereignis an der Jubiläumsveranstaltung des «Early Printing Museum» von Cheongju bilden. «Abenteuer Jikji» nennen die beiden den zehn Tage währenden Zustand, in dem sie derzeit sind. Doch alles der Reihe nach.

Jikji ist der Name einer buddhistischen Weisheitssammlung aus dem Jahr 1377. Und das «Jikji-Buch» ist das weltweit frühest datierte mit einzelnen beweglichen Metalllettern gedruckte Buch, das Mönche in einem Tempel in Cheongju gedruckt haben. 78 Jahre älter als die Gutenberg-Bibel ist das Original, das heute in der Orientabteilung der Bibliothèque nationale de France in Paris ausgestellt ist und Frankreich laut Regierungsdekret nicht verlassen darf. Kunstraub heisst es in Cheongju. Rechtmässig von einem Diplomaten im 19. Jahrhundert erworben, sagen die Franzosen. Und dafür, dass man in Mainz, der Wirkungsstätte Johannes Gensfleischs, genannt Gutenberg, die Tatsache anerkennt, wonach das Drucken mit beweglichen Lettern in Korea noch vor der Erfindung Gutenbergs getätigt wurde, zeigt die Tatsache, dass Dr. Annette Ludwig Direktorin des Mainzer Gutenberg Museums, des Museum der Geschichte des Buchs, zum zwanzigsten Jubiläum des koreanischen Museums ebenso in Cheongju weilt wie Iris Kockelbergh, Direktorin des berühmten Plantin-Moretus Druckmuseums im belgischen Antwerpen. Mit der Aufnahme des Jikji in die UNESCO-Welterbeliste «Memory of the World» sind zudem alle früheren Diskussionen um die Ersterfindung des Buchdrucks ein für allemal entschieden worden.

Im vergangenen Juni traf bei den beiden Inhabern der Druckerei «Offizin Parnassia» in Vättis eine Email ein, mit der sie eingeladen wurden, anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 20jährigen Bestehen des koreanischen Museums ihre handwerkliche Kunst vor Publikum zu demonstrieren. Eine 250 Kilo schwere Kiste mit Material haben die beiden nach Cheongju per Luftfracht schicken lassen. Weil der koreanische Zoll die hermetisch verschlossene Kiste geöffnet und deren seltsamen Inhalt durchsucht hat, hatten die beiden Schweizer befürchtet, ihre Mission im Museum nicht ausführen zu können. Noch bis morgen Sonntagabend zeigen sie live, wie die Buchdruck- und Buchbindekunst bis zum Beginn des elektronischen Zeitalters während Jahrhunderten in Europa ausgesehen hat. Vor Publikum demonstrieren die beiden das Giessen von Bleibuchstaben mit einem Handgiessinstrument, das Drucken von Einblatttexten auf einer Handdruck-Presse sowie das Binden von Büchern und Vergolden von Bucheinbänden. Eine deutschsprachige Ausgabe des Jikji-Buchs haben sie in Vättis prächtig eingebunden und dem Museumsdirektor feierlich übereicht. Koreanische TV-Stationen sowie Zeitungsreporter belagern in diesen Tagen die Werkstatt der beiden Schweizer in Korea. Museumsbesucher bitten die beiden darum, sie fotografieren zu lassen.

Dass es gerade die beiden Männer aus der Ostschweiz sind, die in Korea das Handwerk des Druckens zeigen, hat mit ihrer Arbeit und mit ihrer Leidenschaft für das schöne Buch zu tun. Die Anregung, die beiden als Gäste Koreas einzuladen, kam vom Gutenberg Museum in Mainz. Frey, Doktor der Biologie sowie nebenamtlicher Dozent an der ETH sowie Burkhardt, studierter Theologe, sind im Bereich des Druckwesens Autodidaktiker und haben von Chur bis Nevada Bestandteile für ihre Druckerei gefunden, aufgekauft und nach Vättis transportieren lassen. Von altgedienten Druckern haben sie sich in die Druckkunst einführen lassen. Sie sind heute Besitzer der weltgrössten Sammlung verschiedener nicht-computerisierter Schriften in Bleibuchstaben. Soweit ist ihre Kunstfertigkeit mittlerweile bekannt geworden, dass sogar die Bodleian Library in Oxford als Auftraggeberin in Vättis auftritt.

Frey und Burkhardt sind nicht von gestern. Sie sind computermässig in ihrer Druckerei auf dem neusten Stand eingerichtet. Aber die Liebe zum Handwerk sowie zum schönen Buch und das grosse Wissen um die Geschichte des Druckwesens haben sie dazu bewogen, Bücher von A bis Z, von der Edition eines Textes bis hin zur Herstellung des Bucheinbands, zu beherrschen und auszuführen. Siebzehn Bücher umfasst ihre eigene Bücheredition mittlerweile, obschon sie eigentlich Aufträge ausführen, die von der Gestaltung und dem Druck einer Visiten- oder Neujahrskarte bis hin zum Druck einer Broschüre reichen. Dass sie in Korea aber nicht nur als Vorführer traditioneller Druckkunst auftreten, sondern neugierig die Kultur ihrer Gastgeber auskundschaften, zeigte schon ihre Vorbereitung auf den Aufenthalt in Korea: In einem koreanischen Lebensmittelladen in Zürich haben sie noch vor der Abreise koreanische Lebensmittel eingekauft und koreanisch gekocht. Europäisches Frühstück, wie es ihnen in Korea angeboten wurde, wollten sie nicht haben. Sie kennen sich in der koreanischen Küche mittlerweile bestens aus. Und so wie Koreaner schlafen, betten sie sich in Korea auf einer dünnen Bodenmatratze und nicht in einem westlich ausgerichteten Hotel. Was sie in Korea am meisten irritiert? Dass sie sich in einem Land bewegen, dessen Sprache sie nicht sprechen und lesen können.
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