Erschienen in «Aufbau», November 2007


Wroclaw – Breslau: Eine alte Stadt der Moderne im Wandel

Wer aus einem deutschsprachigen Gebiet kommt, der fühlt sich in Wroclaw manchmal gehemmt, den deutschen Namen der Stadt auszusprechen, weil er meint, Polen könnten in der Verwendung des alten Namens Breslau eine Rückwärtsgewandtheit erkennen. Die Polen jedoch nehmen es da um einiges lockerer als Menschen aus Deutschland. Denn spätestens seit der Zeit Willy Brandts ist politisch Denkenden in Polen und Deutschland klar, dass Breslau niemals mehr deutsch sein wird. Und seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union ist das Verhältnis junger Polen zu Deutschland wesentlich unverkrampfter als jenen rechtsgerichteten polnischen Parteipolitikern, die im Oktober an den Wahlurnen eine Schlappe erlitten haben. Wroclaw/Breslau, Schlesiens ehemalige Hauptstadt und heutige Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Wroclaw, liegt in der Mitte zwischen Berlin, Prag, Wien, Budapest und Warschau. Katholiken und Juden, Polen, Deutsche und Tschechen haben die Geschichte der Wirtschaftsmetropole geprägt. Wroclaw mit ihren 650 000 Einwohnern und auf der wichtigen Verbindungsachse zwischen Frankfurt am Main und Kiew ist eine Stadt, die im Zuge der Osterweiterung der Europäischen Union zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit rückt und in politischer, wirtschaftlicher, aber auch kultureller Hinsicht an Bedeutung gewinnt.

Was zuerst auffällt, wenn man aus dem Osten Deutschlands in Breslau ankommt: Wie jung diese Stadt wirkt. Junge Paare, unglaublich viele Studenten, Gymnasiasten und Volksschüler fallen im Strassenbild auf, die Studenten sind unterwegs zu den vielen Instituten gleich mehrerer Hochschulen. Und wie lebendig, wie geschäftig die Stadt ist. An schönen Tagen sitzen die Menschen bis spät abends in den Strassencafés, Gruppen junger Leute unterhalten sich. Und dazwischen immer wieder und unübersehbar die Gruppen älterer deutscher Touristen: Der «Erinnerungstourismus» blüht in Breslau wie kaum anderswo im Osten Europas. Jene Deutsche, die ihre Kindheit im damals deutschen Schlesien verbrachten, schauen sich die Stadt an. Ihre Kinder und Enkel, die die Stadt nur vom Hörensagen und von alten Fotografien im Familienbesitz her kennen, treffen hier in grossen Scharen an. Und zwischendurch auch Menschen aus den USA, Kanada und Israel, Nachfahren der einst stolzen und wichtigen jüdischen Bevölkerungsgruppe, die in Breslaus Wirtschafts- und Kulturleben bis zum Beginn des Dritten Reichs eine prägende Rolle gespielt haben. Kein Wunder, dass die Schlesienliteratur in deutscher und englischer Sprache in den Buchhandlungen der Stadt so gut sichtbar ist.

Der Austausch der Bevölkerung nach 1945

Wer sich mit er Geschichte der Stadt in den letzten in den vergangenen siebzig Jahren nicht beschäftigt hat, der wird nicht erahnen, wie sehr der Zweite Weltkrieg diese Stadt geschunden hat. Die breite Schneise, welche die deutsche Wehrmacht kurz vor ihrer Einkesselung angesichts der näher rückenden Roten Armee in der zur «Festung» Breslau deklarierten Stadt durch bewohnte Quartiere geschlagen hat, um mitten in der Stadt einen Flugplatz anzulegen, man bemerkt sie nicht. Die schweren Zerstörungen, die der Krieg verursacht hat, übersieht, wer heute durch das Stadtzentrum geht. Kaum zu glauben, dass am Ende des grossen Krieges mehr als 21 000 Gebäude, darunter 400 Kulturbauten, zerstört waren. Die vielen jungen Menschen auf Breslaus Strassen und Plätzen lassen vergessen, dass 1945 nach dem Räumungsbefehl Hitlers 90 000 Breslauer auf der Flucht ums Leben kamen. Jüngere Besucher können nicht wissen, dass in dieser Stadt – wie in ganz Schlesien – ein unvorstellbarer Bevölkerungsaustausch stattgefunden hat. Weil Stalin nach dem Krieg die Städte Vilnius und Lwow den Sowjetrepubliken Litauen und Ukraine zugeschlagen hat und die dort ansässige polnische Bevölkerung vertreiben liess, die irgendwo untergebracht werden musste, pochte die UdSSR auf die Polonisierung Schlesiens und seiner Hauptstadt Breslau bis hin zu Neisse und Oder. Das hat zur Folge, dass die Wurzeln der allermeisten Einwohner von Wroclaw heute nicht in Schlesien, sondern im Osten in Lemberg liegen.

Wroclaw ist zwar nicht mehr Breslau. Und doch ist so vieles, was Breslau geprägt hat, noch sichtbar. Die Jahrhunderthalle, Breslaus Wahrzeichen der aufkommenden Moderne aus dem Jahr 1913, der grösste Kuppelbau Mitteleuropas, hat den Krieg ebenso überstanden wie die Hala Targova, die Markthalle im Stadtzentrum, die ein Meisterwerk der Ingenieurkunst des beginnenden 20. Jahrhunderts darstellt. Wie in Wien, Prag, Stuttgart und Dessau zeugt eine in grossen Teilen erhalten gebliebene Werkbundsiedlung von der Bedeutung der Stadt und ihres Bürgertums in der Zeit bis zum Aufkommen der braunen Zeit. Der Barock ist dank der hohen Kunstfertigkeit der polnischen Restauratoren wieder in der Stadt an der Oder sichtbar: Die Aula Leopoldina, der Festsaal der Universität, das monumentale Werk der Barockkunst, das Innenarchitektur, Figurenplastik, illusionistische Malerei und feines Stuckwerk harmonisch verbindet, lässt vergessen, dass es in der Geschichte der grössten schlesischen Stadt eine so starke Zäsur gegeben hat.

Die Architektur der Moderne

Wer sich im Universitätsviertel bewegt, nimmt rasch die Bedeutung der Stadt im polnischen akademischen Leben wahr: Breslau gehört zu den grössten Universitätszentren Polens. Die Stadt zählt heute vierzehn Hochschulen, an denen fast 60 000 Studenten lernen und forschen. Neben wichtigen Forschungsinstituten beherbergt die Stadt aber auch Bildungsstätten des British Councils und der Alliançe française, und an keiner anderen Uni ausserhalb des deutschsprachigen Bereichs lernen heute so viele Studenten die deutsche Sprache und Literatur wie in Breslau. Eine architektonische Perle ist das heutige Studentenheim der Akademie für Landwirtschaft 1929 von Fritz Behrendt, ursprünglich als Altenheim konzipiert. Die Stadt bildet mit ihren Banken, Versicherungsgesellschaften und Firmensitzen das Handelszentrum Schlesiens. Hier haben grosse elektromechanische und chemische Industriebetriebe, Hüttenwerke, eine Fabrik für Lokomotiven und Eisenbahnwaggons ihren Sitz. Und die polnische Wirtschaft blüht, das westliche Ausland investiert in Polen wie nie zuvor. Westliche Autohersteller lassen in Polen ihre Fahrzeuge produzieren, Markenkleider westeuropäischer Labels werden in Polen hergestellt.

Der 'Ring', heute polnisch Rynek geheissen, ist der Hauptplatz inmitten der Altstadt, er erstrahlt in noch schönerer Pracht als je zuvor: Kaum zu fassen, dass die meisten der Häuser des Zentrums der mittelalterlichen Stadt mit den zwei ineinander übergehenden Plätzen und mit dem Rathaus, 1945 fast vollkommen zerstört waren. Breslau, die «Blume Europas» auch genannt, ist heute eine Stadt, in der polnische und deutsche Vergangenheit und Gegenwart zusammenkommen, in die langsam auch das einst blühende jüdische Leben zurückkehrt. Wer die Liste jener Architekten anschaut, die der Stadt Tel Aviv in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Bauhaus-Gepräge gegeben haben, wird Namen entdecken, denen er nicht nur in Berlin und Leipzig, sondern auch in Breslau begegnet. Denn neben Berlin und Frankfurt spielte die schlesische Metropole in der Entwicklungsgeschichte des Neuen Bauens eine herausragende Rolle. Die grossen Kaufhäuser, die in den späten 20er Jahren in Breslau errichtet wurden, gehörten teilweise jüdischen Kaufleuten oder wurden von jüdischen Architekten erbaut, die später Nazideutschland verlassen mussten. Das Grosshandelshaus 'Schlesinger und Grünbaum', das Kaufhaus Max Goldstein, das riesige Warenhaus Wertheim sind Zeugen dieser Blütezeit. Breslau ist dank einer sorgfältigen Restaurierungstätigkeit heute nicht nur ein Ort des Barocks oder der Gotik, sondern auch eine Stadt, in welcher die Architektur der Moderne bis zum Beginn der Judenverfolgung besichtigt werde kann: Leo Schlesinger, Erich Mendelsohn, Lothar Neumann, Max Berg, Max Taubert, Hugo Leipziger sind Architekten, die die neuere Architektur dieser Stadt wesentlich mitgeprägt haben.

Ein Zentrum jüdischen Lebens

Das jüdische Breslau ist in letzter Zeit dank Fritz Sterns Autobiografie «Fünf Deutschland und ein Leben» wieder verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Der Historiker Stern, Berater mehrerer US-amerikanischer Regierungen und Preisträger der Friedensmedaille des Deutschen Buchhandels, stammt aus Breslau. Über Jahrzehnte hinweg war Breslau eines der wichtigsten kulturellen Zentren des deutschen Judentums und konnte auf eine jahrhundertlange Geschichte zurückblicken. Seit 1847 verfügte die Stadt über eine stetig wachsende liberale jüdische Gemeinde. Breslau, das im Jahr 1925 23 000 jüdische Einwohner aufwies, war Sitz eines Jüdisch-Theologischen Seminars, an dem Rabbiner ausgebildet wurden. Ein jüdisches Gymnasium und die «Jüdische Zeitung für Ostdeutschland» zeugen von einem bewusst gelebten Judentum in der Schlesischen Metropole. Neben zahlreichen kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen, in denen Juden tätig waren, waren es vor allem auch herausragende jüdische Persönlichkeiten, wie Ferdinand Lassalle, die beiden Nobelpreisträger Max Born und Fritz Haber, die der Stadt ihren besonderen Nimbus verliehen.

Mit dem Weltkrieg ist die deutschsprachige jüdische Gemeinde Breslaus untergegangen. Heute gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Wroc?aw. Äußerlich erinnert allerdings nichts an das einst bedeutende Zentrum jüdischen Lebens. Rund 300 Mitglieder zählt sie noch und ist damit bereits die zweitgrößte Polens. Eine Kontinuität der jüdischen Gemeinde Breslaus gibt es nicht: Es gibt keine Zeitzeugen in der jüdischen Gemeinde, die noch das jüdische Breslau vor 1944 kannten. Selbst die ältesten Gemeindemitglieder, kamen erst 1945 in die Stadt – vertrieben aus der heutigen Ukraine. Dass die jüdische Gemeinde von Wroclaw klein ist, hat sowohl mit der Auslöschung der (deutschsprachigen) Breslauer Gemeinde als auch mit den wiederholten antisemitischen Wellen im Nachkriegspolen zu tun. Überlebende Breslauer Juden mochten nicht in eine polnische Stadt zurückkehren, die nicht mehr ihre Stadt war. Und im Gefolge der antijüdischen Kampagne in Polen von 1968 zogen polnische Juden es vor, ihr Land zu verlassen, sie zogen nach Israel, in die USA, nach Kanada oder nach Deutschland.

Gemessen an der großen Zahl früherer jüdischer Bauten und Einrichtungen sind nur wenige Spuren geblieben. Doch man findet sie, die eindeutigen Überreste und fortdauernden Spuren: Es sind die Synagoge «Zum weißen Storch» sowie der grosse alte jüdische Friedhof Breslaus. Die seit Jahren in Renovation begriffene Synagoge «Zum weissen Storch» entging der Zerstörung in der Nazizeit zunächst allein deswegen, da ein Brand die anliegenden Häuser – auch heute liegt die Synagoge von Wohnhäusern eingerahmt – gefährdet hätte. Nach dem Krieg diente sie sowohl orthodoxen, als auch liberalen Juden als gemeinsames Gebetshaus, wobei orthodoxe und reformierte Gottesdienste zeitlich getrennt stattfanden. Die seit Jahren in Renovation begriffene Synagoge hat in den Jahren seit der Reichskristallnacht unterschiedlichen Zwecken gedient. Mal diente sie als multifunktionaler Raum für künstlerische Darbietungen, Mal als Dependance der Musikakademie. In Folge sich schleppender Unterhaltsarbeiten war das vorübergehend dachlose Gebäude stark den Umwelteinflüssen ausgeliefert. Das Mauerwerk nahm Feuchtigkeit auf, Putz und Stuck bröckelten. Lediglich ein aufgestellter Zaun schützte Passanten vor herabfallenden Teilen. Erst 1993 mit dem Besuch von Eric Bowes, eines vor dem Krieg in Breslau lebenden amerikanischen Juden kam Hoffnung auf, die alte Synagoge könnte wieder ihrem Zweck dienen. Bowes war es, der die wenigen Juden der Stadt dazu ermutigen konnte, sich in Verhandlungen mit der Stadt für das eigene Gotteshaus engagieren. Im September 1995 fand in der Synagoge Zum weißen Storch erstmals wieder ein Gottesdienst zu Rosch Ha'Schana statt, an dem nahezu 400 Gläubige teilnahmen. Ein Jahr später erhielt die jüdische Gemeinde schließlich ihr vollständiges Eigentumsrecht an der Synagoge zurück. Jetzt konnte die Sanierung des Gotteshauses fortgesetzt werden. Dank Spenden der amerikanischen Familie Lauder setzt sich die zaghafte Blüte jüdischen Lebens in Wroclaw heute fort. Gottesdienste und jüdischer Unterricht für Kinder und Jugendliche finden hier heute wieder statt. Zahlreiche Besucher aus dem Ausland besuchen die etwas versteckt liegende Synagoge auf, es gibt im Gefolge des erstarkenden Interesses aus dem Ausland neuere Literatur über den grossen jüdischen Friedhof und über die Synagoge «Zum weissen Storch».

Ganz besonders bewegend ist das vor einem Jahr herausgegebene Buch «Die unsichtbare Stadtkarte Breslaus». In dem in Polnisch, Deutsch und Englisch herausgegebenen Buch schildern blinde Bewohnerinnen und Bewohner Breslaus ihre Stadt. Sie beschreiben eine Stadt, die sie hören und riechen, die sie im Gespräch mit anderen Menschen erfahren. Dabei wird auch der jüdische Friedhof an der Lotnicza-Strasse geschildert. Der Friedhof, in dem lange Zeit keine Menschen mehr beerdigt wurden, das wird im Buch deutlich, hat sich tief in die Erinnerung der Breslauer eingeprägt. Wer den Friedhof, der heute in einigen Teilen einer dringenden baulichen Betreuung bedarf, aufsucht, dem wird schnell klar, wie gross, wie wohlhabend und auch bedeutend die jüdische Bevölkerung der Stadt einst war: Der Mitte des 19.Jahrhunderts angelegte Friedhof erstreckt sich auf 4ha Fläche und weist 12 000 Gräber auf. Hier wurde auch Heinrich Graetz, hervorragender Historiker und Verfasser der 12 bändigen Geschichte des jüdischen Volks beigesetzt. Hier ruhen auch die Eltern und die Geschwister der in Breslau geborenen Edith Stein und hier findet sich das Grabmal für Ferdinand Lassalle, Autor des berühmten Arbeiterprogramms und Gründer der ersten Arbeiterpartei Deutschlands.
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