heinrich gartentor,
promotor, ideengenerator, querdenker, minister und präsident.

laudatio zur verleihung des berner kunstpreises

referenten, vortragende, vorlesende, versteigerer benötigen, wenn sie vor publikum auftreten, eine fläche, auf der ihre rede, ihre unterlagen, ihr romanmanuskript liegt. sie schauen das publikum an und sind gut geschützt hinter einem rednerpult, an dem sie halt finden. doch die erfahrung lehrt, dass nicht jedes kulturzentrum, nicht jeder vortragssaal über einen rednerpult verfügt. weil er in seiner funktion als kulturminister der schweiz immer wieder reden hielt, immer wieder an verschiedenen orten auftrat, an denen kein rednerpult vorhanden war, hat kulturminister a.d. heinrich gartentor kurzerhand ein rednerpult aus holz gezimmert, das er auf seinen bahnreisen von ort zu ort zusammengeklappt und auf einem wägelchen mitnahm, um es vor dem jeweiligen auftritt zusammenzusetzen, zusammenzuschrauben. als es vor einem knappen jahr galt, an mehreren orten der schweiz jene zwei personen vorzustellen, die seine nachfolge antreten wollten, verfertigte herr kulturminister heinrich gartentor gleich zwei weitere mobile rednerpulte, die er mit auf reisen nahm, von genf bis basel, von biel bis st.gallen. die stationen der drei rednerpulte sind im internet nachzusehen, wie so vieles aus der arbeitswelt dieses mannes mit dem etwas antiquierten namen heinrich gartentor. heute heisst man ja eher henry, und wenn schon, dann gatekeeper. oder so. so ist auch dieses pult hier ein ministeriales werk. man stelle sich pascal couchepin vor – unseren mehrheitlich für die belange der sozialversicherung zuständigen innenminister und vorübergehenden bundespräsidenten – , wie er im hobbyraum im keller seines einfamilienhauses in martigny am sägen, verschrauben und verleimen eines rednerpults ist. von diesem rednerpult aus hat also der kulturminister a.d auch jene berühmte rede über die eu spargelanbauverordnung gehalten, welche roman bucheli, der überaus kritische literaturredaktor in der nzz, als ein highlight des vergangenen kulturjahres bewertet hat. gartentors reden und interventionen sind es, die u.a. zu dieser ehrung heute und hier geführt haben.

nun ist aber nicht sicher, ob heinrich gartentor oder ein anderer den kunstpreis heute erhält. denn in der ausgabe 1-07 der zeitschrift «schweizer kunst», die dem wirken des damaligen kulturministers gartentor gewidmet war, hat der mann, der heinrich gartentor genannt wird, selber geschrieben: «ich bin eine erfindung von beat matzenauer und adi blum.» und weiter schrieb er dort: «ich bewege mich mit vorliebe dort, wo es fast nichts gibt.» heute und hier gibt es ihn. und er erhält nicht nichts, sondern unter anderem gerade auch für sein engagement als erfundener und als erster virtueller kulturminister der schweiz den diesjährigen preis der stadtberner kunstkommission und dazu noch fr. 20 000.-. wer 20 000.- franken entgegennimmt, den gibt es. eindeutig. und nicht nur virtuell! roman bucheli von der nzz hat über gartentor geschrieben: «im erfinden freilich hat heinrch gartentor vielfache erfahrung. geboren wurde er 1965 unter einem anderen namen, ehe er mit einer gedichtzeile von heinrich heine im und einem gartentor vor dem kopf zu seiner bestimmung fand. die teile eins und drei der autobiografie zu der gefundenen identität erschienen 1999 und 2003 im wiener passagen-verlag und seither versucht heinrich gartentor dem geschriebenen vorbild gerecht zu werden. mühe bereite ihm lediglich, dass er sich als linkshänder erfunden hat». nägel mit köpfen schlägt der mann beim zimmern von rednerpulten und nordpoltauglichen künstlerateliers nämlich mit der kräftigeren rechten.

viermal im jahr leitet dieser heinrich gartentor, seit frühling 2007 präsident von visarte.schweiz, in einem etwas düsteren sitzungsraum im zürcher gewerbequartier binz an der räffelstrasse die sitzungen des zentralvorstands des rund 3000 mitglieder zählenden zusammenschlusses bildender künstlerinnen und künstler der schweiz. statutenrevision, leitbild, neue organigramme, ein aktiveres kommunikationskonzept, jahresrechnung und budget, präzisierung des aufnahmeverfahrens neuer mitglieder, soziale sicherheit für künstlerinnen und künstler sind es, mit denen er sich mit den sechs anderen mitgliedern des zentralvorstands auseinandersetzen muss. wenn man den erfundenen im bären rohrimoosbad in hemeschwand bei thun vor dem bild eines urchigen schwingers und neben einem glaskasten mit siegerpokalen antrifft, wo er gerne eine wanderpause einlegt, kann man sich nicht vorstellen, dass die eben aufgezählte liste von statuarischen und strategischen vereinsaktivitäten ihn wirklich interessieren könnte. wer aber seine briefe an die mitglieder der visarte.schweiz liest, der weiss: dieser mann ist kampfeslustig, innovativ, hartnäckig und witzig. jetzt geht er also an die neuorganisation und stärkung des verbands, der in den letzten jahren eindeutig an kraft und visionen verloren hat. nach zwei bis drei jahren beabsichtigt herr präsident zurückzutreten, andere sollen die jetzt zu entwickelnden visionen umsetzen. weshalb ihn die mitglieder der organisation der bildhauer, maler, architekten in dieses amt gewählt haben? gartentors verankerung in der schweizer kulturlandschaft, sein beziehungsnetz, seine reden, seine hartnäckigkeit werden es gewesen sein. und weshalb er diese bürde auf sich genommen hat, dieses amt, das kaum sehr dankbar sein dürfte, zu bekleiden? der mann ist ein macher, der mann ist einer, der vorurteilsfrei mit jedem zu sprechen bereit ist, einer auch, der vermittelt und kompromisse eingeht, der konflikte nicht aussitzt, der gegner direkt anspricht. als sich herausstellte, dass ein regionaler funktionär des verbands der visuellen künstlerinnen und künstler hinter den kulissen emsig seine abwahl betreibt, steigt gartentor in den zug und sucht den mann auf, der hinter den kulissen argumente schiebt, um diesen direkt anzusprechen. so ist er, herr gartentor, der tore auftun will.

dieser mann ist weder maler noch bildhauer. und er gibt auch lachend zu, dass er weder maler noch bildhauer sei. und doch ist er vorsitzender des berufsverbands visuelle kunst schweiz. dieser mann ist nicht mitglied von ads, des verbands der schweizer autorinnen und autoren. und doch ist er autor zweier bücher, die in einem renommierten ausländischen verlag erschienen sind. dieser mann hat keine konservatoriumsausbildung. und doch hat er schon komponiert. dieser mann war niemals im verwaltungsrat eines grossen unternehmens noch hat er – als das noch möglich war – an der börse grosses geld gemacht. und doch war er minister und ist er ein echter kunstmäzen, galerist und ausstellungsorganisator. dieser mann ist nicht mitglied der siebenköpfigen landesregierung der schweiz und doch hat ein deutscher ice zug unterwegs zwischen frankfurt und kassel war in einem kleinen bahnhof ausserfahrplanmässig eigens für ihn angehalten, damit er rechtzeitig an einem offiziellen empfang der eidgenossenschaft an der frankfurter buchmesse teilnehmen konnte. seine dem zugschaffner zugeschobene visitenkarte, auf der damals die bezeichnung «kulturminister der schweiz» zu lesen war, hat diesen halt möglich gemacht. wortwitz muss man haben und etwas frische chuzpe.

der mann, der von sich sagt, er könne nicht malen und sei kein bildhauer, den aber künstlerinnen und künstler in der schweiz als ihren wortführer in kulturpolitischen belangen für die dauer von zwei jahren gewählt haben, erhält hier und heute den berner kunstpreis. «jetzt stosse ich erstmals im leben auf grenzen der belastbarkeit. je mehr sitzungen man hat, desto mehr wird man zu einem funktionär, wird man als funktionär wahrgenommen, das kann es nicht sein», sagt der visarte-präsident, der das fabulieren mit anderen künstlern so sehr mag. gartentor ist ein geschichtenerzähler, einer, der geschichten mit allen ihm zur verfügung stehenden mitteln und quer durch methoden hindurch erzählt. und er erzählt nicht nur seine geschichten, er ist ein guter zuhörer, ein guter zuschauer, der andere auch erzählen lässt, ihnen beim erzählen und zeigen beisteht, es ihnen ermöglicht, mit den ihnen zur verfügung stehenden mitteln ihre geschichten zu erzählen. es gibt eine grosse serie von farbfotos, alle sehr weitwinklig aufgenommen oder am computer zusammengesetzt, auf denen man gartentors arbeitstisch sieht. diese witzigen und schönen bilder erzählen alle von seinen projekten, es sind arbeitsbilder und geschichten aus seinem atelier, die irgendwann ausgestellt werden müssten.

20 000.- franken beträgt die preissumme, die auf dem scheck vermerkt ist, die heinrich gartentor heute von beate engel überreicht wird. ich erinnere mich an eine autorin, die mit den fr. 40 000.-, die sie als werkbeitrag von pro helvetia erhalten hat, neue vorfenster an ihrem haus hat installieren lassen. ich kenne einen autor, der aus dem geld, das er bei der überreichung eines kulturpreises erhalten hat, die finanzierung seines einfamilienhauses hat abrunden können. beide varianten sind gewiss legitim, denn nirgendwo steht festgeschrieben, was mit dem geld, das zu einer solchen auszeichnung gehört, gemacht werden darf oder nicht. was heinrich gartentor mit der preissumme von fr. 20 000.- machen wird, steht bereits fest und ist typisch, typisch für ihn: in kaufdorf, einer gemeinde im gürbetal im kanton bern, befindet sich ein historischer autofriedhof. autofriedhöfe sind eine form von entsorgung von autos, die es heute eigentlich gar nicht mehr gibt, wo ausgediente autos zuerst systematisch ausgeweidet werden, um dann zusammengepresst zu werden. das besondere am autofriedhof von kaufdorf ist, dass hier in den jahren 1950 bis 1970 autos abgestellt wurden, autos, die heute allesamt oldtimer sind, topolinos, studebakers, borgwards, isettas und panhards, namen, die keiner mehr kennt. der autofriedhof von kaufdorf mit seinen 500 skeletten sollte eines tages als umweltsünde verschwinden, abgetragen werden, der ort wieder der natur zugeführt werden. nur: wer diesen ort kennt, kann ihm nicht einen besonderen charme absprechen. wo einst autos auf einem freien feld abgestellt wurden, wachsen heute bäume, sie wachsen durch autofenster und autokarosserien hindurch, versinken alte austins und humbers im hohen gras, sind strassenkreuzer von einst zu skulpturen und teil der natur geworden. gerade in diesen autofriedhof will der fahrrad- und bahnfahrer heinrich gartentor die fr. 20 000 investierten, die er heute erhalten wird. typisch! typisch gartentor. gartentor plant für die zeit von juni bis mitte oktober dieses jahres die «nationale kunstausstellung auf dem historischen autofriedhof gürbetal». und sein künstlerischer beitrag? zunächst die gesamtinszenierung. «grundlage für die ausstellung bildet eine installation von mir», sagt er, «ein weg durch den autofriedhof, eine art steg über alles hinweg, damit autos und flora und fauna nicht vandalisiert werden können. der steg wird aus rund 1000 nummerierten brettern bestehen. die bretter werden für je 20 franken verkauft». welch’ eine idee!! zwanzig bildende künstler lädt gartentor ein, sie sollen auf dem areal des autofriedhofs ihre arbeiten zeigen, arbeiten, die in einen dialog mit den langsam einsinkenden und von der natur umschlossenen autos eingehen. das künstlerpaar lang/baumann, res ingold aus münchen, der lange in der schweiz zu wenig beachtete und in frankreich bekannte peter stämpfli, die preisträger des eidgenössischen kunstpreises gabriela gerber, lukas bardill, katja schenker, bob gramsma, daniel ruggiero, anna amadio sowie künstler, die das aeschlimann/corti-stipendium erhalten haben, gehören zu den ausstellenden: chantal michel, reto leibundgut, dominik strauch. der finanzbedarf für den anlass in kaufdorf beträgt fr. 450.000.- , gartentor hat aufwendungen und einnahmen genau berechnet und ist derzeit daran, geld für die durchführung aufzutreiben, heute wird mit der ueberreichung eines briefumschlags sein eigener finanzieller grundstein für die entwicklungsarbeit des projekts gelegt.

was ist das besondere an diesem mann, den schweizer kunstschaffende für die jahre 2005 bis 2007 als ihren «kulturminister» gewählt haben? gartentor ist ein promotor, ein anreger, ein ermöglicher. im progr, jenem gebäude im zentrum berns, in dem sich rund 60 künstlerateliers befinden, richtet er das gartentor-stipendium aus. das von ihm geschaffene «heinrich-gartentor-stipendium» geht jeweils an einen künstler oder eine künstlerin, welche(r) noch nie einen kunstpreis gewonnen hat. als gartentor das atelierstipendium des kantons bern an der cité des arts in paris erhielt, stiftete er seinerseits ein stipendium, eben das gartentor-stipendium, das unbekannten künstlern aus dem ausland den aufenthalt in bern ermöglicht. um die stipendiaten auch noch mit taschengeld versehen zu können, lässt er sich bei sogenannten sportaktionen von gönnern für dauerläufe auf dem laufband oder fürs seilspringen bezahlen. für das gartentor-stipendium kann man sich nicht bewerben. es wird nach gutdünken in loser folge von heinrich gartentor vergeben. das stipendium beinhaltet u.a. ein atelier zur freien verfügung, freies wohnen in bern sowie zwei ausstellungen. sechs gartentor-stipendiaten gibt es bis jetzt, künstler, die in einem progr-atelier zwei wochen oder zwei monate weilen und hier arbeiten. und das besondere an diesem stipendium ist, dass jeder stipendiat zeit seines lebens stipendiat bleibt, mehrmals im berner atelier weilen und arbeiten kann. und wer es vorzieht, in thun zu sein, dem bietet heinrich gartentor im haus, in dem er in mit frau und tochter wohnt – es ist ein ehemaliges ausländerzentrum – arbeits- und wohnraum an. thomas glatz, zeichner und autor aus münchen, der musiker michael beil, bildhauer kai rheineck aus düsseldorf, dida zende aus berlin, die koreanische künstlerin young-en huh, nicolas zimny aus strassbourg. seine künstler können aber nicht nur vom atelier profitieren, denn zusätzlich bietet gartentor mit seiner galerie «links» als teil der berner galerie duflon + racz einen ausstellungsort an. man muss wissen, dass es sich bei dieser galerie, die den namen «links» trägt», um eine mobile galerie in einer galerie handelt, eine galerie auf rädern, natürlich wieder von gartentor selbst entworfen und gezimmert. die mobile galerie verfügt über ein künstlerbett und über einen kühlschrank. und diese galerie wird demnächst multipliiert, es wird sie in brüssel und genf geben.

gartentor ist ein ideengenerator. manchmal kommt es vor, dass er von firmen und institutionen als querdenker engagiert wird. ja, der mann, den die visarte als präsident gewählt hat, ist aussergewöhnlich. als sich nationalrat oskar freysinger und autor daniel de roulet wegen freysingers forderung, schriftsteller de roulet solle alle werkbeiträge, die er je erhalten habe, zurückzahlen, in die haare gerieten, bot sich gartentor als vermittler an, indem er für die beiden bei einem gemeinsamen abendessen im berner oberland als koch auftrat, ihnen eine thunfisch-kohl-pastete und wein auftischte, sie dazu brachte, sich gegenseitig kennen zu lernen und miteinander zu sprechen. «politik ist die folge davon, dass zwei leute zu spät miteinander gesprochen haben», lautet ein satz des ersten kulturministers der schweiz.

gartentors weg ist in manchem so unschweizerisch. nach der schule der versuch, an einem vorkurs an einer schule für gestaltung glücklich zu werden, dann eine lehre als florist, anschliessend während zwei sommern unterwegs mit einem mountainbike mit anhänger, auf dem er ein richtiges klavier hinter sich her schleppte, touren durch frankreich bis nach spanien als strassenmusiker, in der kalten jahreszeit auf den spuren heinrich heines «wintermärchen» und joseph beuys’ werke durch deutschland unterwegs, später mit der heute als fotografin bekannten chantal michel auf pantomimische und tänzerische strassentheatertournee, wobei ein grüner teppich von 4 auf 4 metern den beiden als bühne für das selbst choreographierte 7minuten dauernde stück diente. als diese zeit vorüber war, reifte der entschluss, sich an der kunstakademie in düsseldorf anzumelden: nach einer anhörung vor den studierenden nahm ihn christian megert in seiner klasse als studenten auf. «hier lernte ich kunst anzuschauen, kunst zu beurteilen und über kunst zu reden», sagt gartentor, der später als atelierstipendiat in paris kunst anschauen konnte. mit seinen rund 200 «netten attentaten» in den letzten zwölf jahren, dem anbringen von eigenen erzählerischen texten auf aluminiumtafeln an und in gebäuden ist er bekannt geworden: im jahr 1996 setzte gartentor arbeit mit 50 kürzest- und kurzgeschichten ein, die er je 20 mal auf alutafeln drucken liess, kurzgeschichten, die er verteilt, an orten anbringt, immer noch anbringt, denn noch sind nicht alle texte verteilt worden. dazu sagte er einmal: «meine erste aktion, tausend alutafeln mit unnötigen geschichten, sollen orte im deutschsprachigen raum zieren. ab und zu klebe ich wieder eine tafel hin, wenn ich denke, dass es gerade an diesem ort eine braucht. die aktion ist so an-
gelegt, dass sie mich sehr, sehr lange, wohl bis ans lebensende beglei-tet. auch dann, wenn ich sagen muss, ich stehe nicht mehr dazu oder
sie langweilt mich oder sie ist banal geworden oder was auch immer.
diese diskrepanz auszuhalten und solche dinge durchzuziehen, das ist es, was mich interessiert». und als ob er es seit langem mit den deutschen ice-zügen hätte, schrieb er vor geraumer zeit: «diese aktion startete am 
5. mai 1996 im speisewagen des 
ice «thunersee» (interlaken – berlin)
und endet irgendwann 
am rednerpult des deutschen bundestages».

mit rolf winnewisser und stefan banz, beide sind bildende künstler, wird gartentor in der zweiten hälfte dieses jahres mit texten durch die schweiz touren. weil heinrch gartentor manchmal eine virtuelle erscheinung ist, ist nicht wirklich sicher, ob er mit den beiden unterwegs sein wird. weshalb ich auf diesen gedanken komme? im jahr 2003 war autor gartentor von matthyas jernny, dem damaligen leiter des basler literaturfestivals an das literaturfestival zum lesen eingeladen, konnte aber nicht hin, weil er in graz gefragt war. also hatte er kurzerhand peter zumstein nach basel geschickt, weil «die in basel ja sowieso nicht wussten, wie ich aussah». peter zumstein wird jetzt einen gartentor-text, es handelt sich um zwölf schritte aus seinem ersten roman, nochmals lesen. peter zumstein ging mit gartentor zur schule und ist heute schauspieler. die beiden haben seit jeher regelmässig miteinander zu tun, fussballmatches schauen sie sich häufig gemeinsam an.

peter zumstein liest vor

ein artikel in der neuen zürcher zeitung war es, der gartentor auf die arktische insel spitzbergen aufmerksam machte. im jahr 2006 weilte heinrich gartentor zweimal auf spitzbergen, wo es während vier monaten dauernd taghell und während vier monaten ständig nachdunkel ist. gartentor, der zuvor während zwei wochen untertags in einer berner zivilschutzanlage gearbeitet hatte, wollte sich diesen beiden erfahrungen von ständigem kältedunkel und dauernder sommerhelligkeit aussetzen. auf spitzbergen arbeitete er – zum teil wie ein polarforscher eingepackt – an seinem dritten roman und bereitete eine ausstellung vor, die er anschliessend im kunstpanorama luzern zeigte, wo es zunächst nichts zu sehen gab ausser einem stapel holz, den er zu verarbeiten gedachte, seine arbeit geschah als performance während der ausstellung, und pünktlich zur finissage war das werk, eine aus holz konstruierte «ideale residenz für schweizer künstlerinnen und künstler für unsere kolonie spitzbergen» bereit.

heinrich gartentor ist nicht mehr kulturminister. als solcher hat er einen relativ grossen bekanntheitsgrad in der schweiz erhalten. der mann wird uns als querdenker, als unkonventioneller flaneur zwischen den kunstsparten erhalten bleiben. vieles um ihn ist ungewöhnlich, ist anders, schräg. wer heinrich gartentor noch vor zweieinhalb jahren in seinem atelier an der uttigenstrasse 27 in thun besuchen wollte, musste sich ausweisen, musste ein in drei durchschlägen erstelltes formular ausfüllen: «besucher für 1 tag» hiess der aufdruck. und das kleine schriftstück, so der aufdruck, «ist während dem aufenthalt im areal sichtbar zu tragen». was wie eine satire klingt, war echt: mit elf anderen künstlerinnen und künstlern befand sich gartentors atelier in einer liegenschaft auf dem areal der ruag, eines bundeseigenen industrieunternehmens, das waffen und munition herstellt. weil der schrumpfende konzern am restrukturieren ist, sind auf dem firmenareal gebäude frei geworden. in einer dieser liegenschaften war der «kulturminister» an der arbeit. heinrich gartentor ist thun treu geblieben. «wäre ich in thun aufgewachsen, wär’ ich nicht mehr dort», sagt er, der heute zum thuner stadtbild gehört, der in der lokalzeitung regelmässig kolumnen schreibt und der heute mit seiner frau chrige und tochter ida im ehemaligen haus der ausländerorganisationen und klubs wohnt und arbeitet, hier auch gastgeber von künstlerinnen und künstlern ist, die im haus arbeiten oder übernachten wollen. damit dass er bürgerlich anders heisst, hat gartentor kein problem. im kanton bern sei man sich an namensvariationen gewöhnt. aus martin etwa mache man einen «tinu». und auch wenn weder www.telsearch.ch noch www. directories.ch nicht viel über den mann verraten, in thun weiss sogar der taxifahrer, wo heinrich gartentor zu finden ist. und er weiss auch, was gartentor denkt. denn regelmässig erscheinen im thuner tagblatt gartentors kolumnen zu aktuellen fragen aus politik und kultur.

seinen handwerklich-künstlerischen beitrag für das berner theaterleben wollte der kulturaktivist heute abend. nein, er tritt nicht als mit seinem 7-minuten schaustück von früher als schauspieler, tänzer oder sänger auf. für diesen anlass und für die zeit danach ging er daran, eine mobile bar zu zimmern, an der ihm heute zum fünften mal eine ehrung zuteil werden sollte. sie sollte als bühnenobjekt gut sein und wollte gleichzeitig dem betrieb im schlachthaus dienen. die mobile bar war als gartentors geschenk an raphael urweider gedacht. dass es sie nicht gibt, dass sie trotz vorhandenen zeichnungen und trotz eingekauftem holz nicht gibt, hat bloss damit zu tun, dass sich im laufe der arbeiten herausgestellt hat, dass diese bar in diesem theater keinen platz finden würde. dafür sind die kühlschränke dieses hauses seit heute mit rädern ausgerüstet, gartentors kleinerer beitrag an eine mobile verpflegung im theater. gartentor hat es mit der bewegung, er bewegt andere, bleibt in bewegung!

meine damen und herren, vielen dank, ich übergebe das wort beate engel zur preisverleihung.