Schreibhilfen

Er hat kein Handy und keinen Computer. Ich bin zu alt dafür, sagt er. Dabei wird er erst nächstes Jahr 70. Andere in seinem Alter schreiben am Computer, chatten und skypen, sind bei Facebook mit dabei. Er schreibt seine Bücher seit Jahren schon und immer noch mit einer kleinen mechanischen Reiseschreibmaschine. Jeden Tag. Zwanzig Manuskriptseiten sind das Maximum eines Tagwerks, meistens sind es bloss sechs bis zehn. Am Morgen liest er zuerst nochmals jene Seiten, die er am Vortag geschrieben hat. Mit einem Bleistift schiebt er noch Worte ein, streicht Sätze und ersetzt andere. Wenn wieder ein Kapitel fertig geschrieben ist, korrigiert er nochmals. Seine Manuskripte sind kryptisch. Das sagt er auch. An seinem letzten Buch hat er vier Jahre lang gearbeitet. Und als der Verleger, der ihm einen guten Vorschuss gegeben hatte, wieder fragte und drängte, da war klar, dass das Typoskript noch vor der Buchmesse würde abgeschrieben werden müssen. Nur dass sich niemand finden liess, der bezahlbar war bei über 600 Manuskriptseiten. Und ohnehin hätte sich keine Sekretärin im Wirrwarr der Korrekturen, der Streichungen und Ergänzungen zurecht gefunden. Im Nachhinein können sich weder sein Lektor noch er daran erinnern, wer die Idee hatte: Ein Inserat in der Zeitung war’s. Und das Angebot eines Architekturbüros, in dem nicht alle Räume belegt waren. Dreissig Personen meldeten sich auf das Inserat hin. Sie alle treue Leserinnen und Leser seiner Bücher. Den Computer stellte ebenfalls das Architekturbüro zur Verfügung. Drei Monate lang diktierte er jeden Tag seinen Roman. Alle Paar Tage sass eine andere Person am Schreibtisch und liess sich den Roman langsam Satz für Satz diktieren. Keine dieser Personen hatte er vorher gekannt. Keiner, der Geld für das Schreiben verlangt hätte. Auf der letzten Seite des Romans sind sie jetzt alle namentlich erwähnt.

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Kirschholz

Es war ein Haus aus den Zwanziger Jahren. Die Wohnung im dritten Stock, die Hausfassaden renoviert, der Garten gepflegt, die Lage ideal. Knappe fünf Minuten bis zum nächsten Zeitungskiosk, die Post schräg gegenüber, ein Lebensmittelladen um die Ecke, zwei Bäckereien in Gehdistanz und sogar noch eine Apotheke. Zwei Strassenbahnhaltestellen an der nahen Hauptstrasse. Wir waren überglücklich, endlich eine Fünfzimmerwohnung gefunden zu haben. Sie wies sogar zwei Balkone auf! Einzig die Kirschholztäferung machte uns zu schaffen. Dieses dunkle Holz im Wohnzimmer und im Esszimmer strahlte eine Schwere aus, das war uns bereits bei der ersten Besichtigung klar. „Wir schaffen das“, sagte ich zu Esther, die sich noch mehr am dunklen Holz störte als ich mich. Beim zweiten Besichtigungstermin, an dem wir den Mietvertrag unterschreiben konnten, lobten wir die Wohnung nochmals, sicherten der Hausbesitzerin sogar zu, dass wir kinderlos bleiben würden, weder Klavier noch Klarinette spielen, ein Hund ebenso wie eine Katze für uns beide nicht in Frage käme. Esthers Anstellung bei der Stadtverwaltung wirkte seriös, ich hatte wieder meinen einzigen Anzug an, wir machten einen guten Eindruck und bekamen die Wohnung. Nach dem Einzug gingen wir behutsam vor: Ich arbeitete mich möglichst leise mit Brecheisen und Eispickel von Kirschholzplatte zu Kirschholzplatte durch. Nach drei Tagen hatten wir das dunkle Holz nachts aus dem Haus geschafft und in eine Tonne vor der Baustelle in einer Nebenstrasse gekippt. Unsere Wohnung sah jetzt aber so aus, als werde sie demnächst abgebrochen. Uns war klar, dass wir selbst nie in der Lage sein würden, die Wandflächen in den beiden Zimmern so hinzukriegen, wie wir es uns vorgestellt hatten. Jetzt mussten Handwerker her, um die beiden Zimmer zu renovieren. Mit den Handwerkern kam bereits am zweiten Tag Frau Hirzel, die 82jährige Hausbesitzerin, in unsere Wohnung. Uns war schlagartig klar, dass jetzt unser Rauswurf bevorstand, wir hatten etwas getan, das in keinem Mietvertrag vorgesehen war. „Jesses-Marie“ sagte die Alte. „Um Himmelswillen“ kam es noch lauter aus ihr. „Das glaub‘ ich nicht!“. „Wo bin ich denn?“. Sie lief rot an, sie drohte mit ihrem Anwalt, sie verlangte aufgeregt, wir müssten die Kirschholzplatten wieder einsetzen. „Sofort“ sagte sie ausser Atem und fast stimmlos. „Sofort!“. Antonia Hirzel wurde immer unruhiger und immer lauter, was zu ihr gar nicht passte. Die alte Dame lief rot an, sie zitterte am ganzen Körper. „Ich ruf die Polizei an“, schrie sie mich an. „Sie sind gekündigt. Ich schmeisse die hinaus. Sofort“. „Sie ziehen aus. Und sie bringen mir die Wohnung wieder in Ordnung“. Und wieder kam dieses „Sofort“. Sie lief zur Wohnungstür, so schnell wie wir sie noch nie hatten gehen sehen. Wir hörten, wie sie unsere Wohnungstür mit einem empörten Schrei zuknallen liess. Dann folgte ein weiterer, noch hellerer Schrei und ein dumpfes Geräusch, ein Rumpeln. Antonia Hirzel, unsere Hausbesitzerin, war die Treppe hinuntergefallen. Sie lag regungslos auf dem Treppenabsatz zwischen dem dritten und dem zweiten Stock, Augen und Mund offen. Es war zu spät, Antonia Hirzel konnte ihrem Anwalt die Geschichte vom Kirschholztäfer nicht mehr erzählen.

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Stilles Lesen

Charles Simic, ein aus Belgrad stammender amerikanischer Autor, schreibt, dass Toiletten „die verkannten Kulturstätten des Alltags“ seien. Er preist die Toilette als jenen Ort an, in dem es sich etwa ziemt, Hamlet zu lesen. „Wenn Sie wie ich veranlagt sind, dann müssen Sie auf der Toilette immer etwas lesen“, teilt er mit. Er verkündet es nicht irgendwo, sondern auf einer ersten Feuilletonseite der Neuen Zürcher Zeitung vom 28. April 2012. Lektüre hinter verschlossener Tür bringe Entspannung, meint der bewanderte Experte für lokale Literatur. Ich kenne stille Örtchen in Häusern und Wohnungen von Freunden. Da lagern Kataloge von Ikea oder Manufactum zur Durchsicht, warten Graphic Novels auf konstipierte Gäste, im schlimmsten Fall liegt die neuste Ausgabe der „Weltwoche“ zum Greifen nahe auf dem Wäschekorb. Wenn die Freunde etwas aufgeschlossener sind, kann es auch eine zerlesene Nummer der „New York Review of Books“ sein, die der Wohnungsinhaber hingelegt hat, um auf seinen Bildungsstand und auf seine Sprachkenntnisse aufmerksam zu machen. Gastgeber oder auch Gäste überfliegen hinter verschlossener Tür die Angebote im Katalog oder lesen sich durch Vorspänne einzelner Texte, sie machen sich stiekum vertraut mit Hamlet oder einem Zeitgenossen. Wie verhalten sich aber jene Gäste in den Toiletten der besten Konditorei Kölns, dem Café Reichard, das für sich mit „Prunkstücken der Mehlspeisenküche“ wirbt und wo es mit Blick auf den imposanten Dom köstlichen „Genfer Baumkuchen mit Cointreau abgeschmeckt“ für 4,10 € gibt oder „Marillenstrudel nach Kremser Rezept mit Vanillerahm und Zimtzucker“ (6,50 €) ? Hier warten im Untergeschoss blitzblanke moderne Toiletten auf die Gäste. Das Problem, das sich hier stellt, ist eigentlich nur, wie kann man die Lektüre, mit der man sich zurückgezogen hat, hinter einer blitzblanken Glastür für sich behalten, ohne dass gleich neugierige Passanten sehen, ob man jetzt die BILD Zeitung oder das Neue Deutschland liest? Eigentlich ist dies das einzige Problem, das sich engagierten Lesenden im unteren Bereich stellt. Nicht wahr?

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Signieren, bitte

Bitte schreiben Sie doch „Für Maria“. Könnten Sie bitte noch einen kleinen Satz anfügen, mein Mann bewundert nämlich Ihre Bücher. Er kennt das: Nach der Lesung stehen sie an, eine lange Reihe von Lesern, alle mit dem neuen Buch in der Hand, aus dem er eben vorgelesen hat. „Unser Autor signiert gerne nach der Lesung sein Buch“ sagt die Moderatorin jeweils. Es ist immer dasselbe. Nach der Lesung setzt er sich an einen kleinen Tisch, er muss signieren. Am schwierigsten ist es, wenn sie darum bitten, einen fremden Namen noch hinzuschreiben. Dann lässt er sich den Namen auf einem Zettel schreiben: Matthias mit einem t oder mit zwei? Christoph mit ph oder f. Er hat mit den Jahren und mit den Lesereisen hinzu gelernt. Er selber besitzt kein einziges Buch mit einer Widmung. Er versteht die Menschen nicht, die sich eine Unterschrift im Buch wünschen. Er weiss, dass die Leute sich das Datum, den Ort und seine Unterschrift wünschen. Und wenn der letzte Leser an seinem Signiertisch vorbeigegangen ist, dann kommt immer noch die Buchhändlerin mit einem Stapel vorbestellter Bücher. In jedem dieser Bücher steckt schon ein vorgeschriebener Zettel. Er schreibt dann ab, widmet das Buch an Maja Steinmann oder René Ebel, er schreibt mit seinem Füllfederhalter Namen von Menschen ab, die er nicht kennt, die sich nicht einmal die Mühe genommen haben, an seine Lesung zu kommen. Manchmal schreibt er auch noch „Zum Geburtstag von Anna“ oder „Zum 50. Geburtstag alle Liebe“ und darunter setzt er seinen Namen hin mit Datum und Ort. Jahrelang hat er diesen Dienst getan. Manchmal dauert das Signieren eine halbe Stunde oder noch länger. Anschliessend muss er mit dem Moderator, mit der Buchhändlerin, mit dem Lokaljournalisten oder der Leiterin des Literaturhauses und deren Partner auch noch in einer nahen Pizzeria essen. Dann wird es schnell Mitternacht. Und immer kreist das Gespräch um dieselben Fragen. Heute Hamburg, morgen Hannover, übermorgen Zürich, dann Bregenz. Wie er diese Lesungen hasst. Aber der Verlag verlangt es. Das neue Buch muss schnell unter die Leser kommen. Gestern war’s Basel. Und er hatte sich vorgenommen, diesmal nach der Lesung den Saal zu verlassen: Keine Signierrunde dieses Mal, keine Pizzeria, kein Thairestaurant diesmal. Und auch in Zukunft nicht. Er hatte sich vorgenommen, weder eine Migräne noch Magenschmerzen vorzutäuschen. „Ich signiere nicht. Und ich komme auch nicht mit zum Essen.“ Das hatte er Minuten vor der Lesung der Buchhändlerin gesagt. „Sagen sie nichts von einer Signiermöglichkeit. Mein Buch liest sich genau so gut ohne Unterschrift“. Als er die zweite Leserunde hinter sich hatte, bedankte sich der Moderator bei ihm und fügte den berühmten Satz an: „Unser Autor signiert jetzt gerne sein Buch“. Er konnte es nicht fassen. Hatte der Moderator seinen Satz einfach überhört, absichtlich gar? „Ja, ich komme sofort“, raunte er dem Moderator zu. Er tat so, als müsse er noch die Toilette aufsuchen, ging zur Eingangstür, nahm seinen Mantel vom Kleiderhaken und machte sich schnellen Schrittes davon, während bereits eine Menschenschlange neben dem Signiertisch auf den Autor wartete.

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Valeriusstraat

Wir nannten sie „Juffrouw Godvliet“. Ihr Vorname lautete Ans, aber ich habe nie an sie als Ans gedacht. Juffrouw Godvliet war in meinen Augen alt. Immer schon. Als sie starb, war sie höchstens 72. Kennen gelernt haben wir sie, als ich elf Jahre alt und sie etwa 60 war. Vater hatte eine Stelle in Amsterdam gefunden, aber keine Wohnung. Die stark reglementierte Politik der Wohnungsvergaben sah damals nicht vor, dass ein ausländischer Angestellter eine Wohnung erhalten sollte. Ich weiss nicht, wie meine Eltern auf Juffrouw Godvliet gestossen sind. Juffrouw Godvliet war ein Glücksfall. Ganz alleine bewohnte sie ein dreistöckiges Backsteinhaus im Stadtteil Oud Zuid in der Nähe des Vondelparks. Die Zimmer im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk waren möbliert und seit langem unbewohnt: Ein Salon, ein Esszimmer , ein Elternschlafzimmer mit Balkon zum Hinterhof, die Küche, ein Badzimmer mit Toilette. Im ersten Stock zwei weitere Zimmer, eines wurde mein Zimmer, ein zweites wurde Vaters Büro. Juffrouw Godvliet wohnte im zweiten Stockwerk: Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Bad sowie die Küche. Kam sie nach Hause oder verliess sie ihre Wohnung, ging sie an unseren Zimmern vorbei und benutzte sie die gemeinsame Treppe. Und so konnte es passieren, dass sie uns in unseren Wohnräumen antraf. Wir gewöhnten uns deshalb daran, die Zimmertüren stets zu schliessen, denn Juffrouw Godvliet musste uns nicht unbedingt im Pyjama oder im Bad sehen, wenn sie dem Korridor entlang zur Haustüre ging. Das Haus an der Valeriusstraat gehörte ihr nicht. Juffrouw Godvliet war das Kindermädchen gewesen, das einst ein Zimmer im Dachgeschoss dieses Hauses bewohnt hatte. Josef und Emma Jelinek waren die Besitzer des Hauses an der Valeriusstraat. Wir zogen 1957 in das Haus der Jelineks, die seit 1944 als vermisst galten. Und die Juffrouw Godvliet seit dreizehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich weiss heute nicht mehr, wer die Verfügung erlassen hatte, wonach Juffrouw Godvliet im Hause Jelinek bleiben durfte. Sie blieb und sie wartete. Sie wartete und glaubte fest an eine Rückkehr, die nie mehr eintreten sollte, die nicht erfolgen konnte. Die Jelineks waren von deutschen Soldaten oder Polizisten in Amsterdam aufgegriffen worden, sie wurden über das Sammellager Vucht in den Osten verschleppt. Bergen Belsen? Maidanek? Auschwitz? Ich weiss es nicht. Als ob sie gerade vor wenigen Tagen ihr Haus verlassen hätten, so sah die Wohnung der Jelineks 1957 aus, als meine Eltern sie besichtigen konnten. In der Abmachung, die Juffrouw Godvliet und meine Eltern unterschrieben hatten, stand zu lesen, dass wir im Falle einer Rückkehr der Jelineks die Wohnung zu verlassen hätten. Fünf Jahre haben wir an der Valeriusstraat gewohnt bis mein Vater von seiner Firma versetzt wurde. Wir benutzten Jelineks Strassburger Service, wir schliefen in ihren Betten, Mutter kochte in ihrer Küche als ob das vollkommen normal wäre, im Büchergestell im Salon standen die Bücher der Familie Jelinek. Ich kann mich sogar noch gut an jenes Gestell im Keller erinnern, in dem die Jelineks früher Seife, Stärke, Zucker, Salz und getrocknete Äpfel aufbewahrt haben mussten. Viele Jahre später habe ich auf einer Radfahrt durch Holland wieder ein solches Gestell gesehen und fotografieret. Juffrouw Godvliet hatte mit uns eine jüdische Ersatzfamilie gefunden und ich eine niederländische Ersatzgrossmutter. Ich kann mich noch an einen Besuch von Juffrouw Godvliet nach unserem Umzug bei uns in der Schweiz erinnern. Axenstrasse – Gotthardpass – Lugano: Diese Fahrt hatte sie vor dem Krieg als Kindermädchen mit der Familie Jelinek unternommen. Diese Fahrt musste in den 60er Jahren wiederholt werden, diesmal aber in Begleitung meiner Eltern als Ersatz für die Jelineks, die auch einen Sohn hatten, der ebenso wie ich Michael geheissen hatte.

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Elianes Kleider oder Damenbesuch

Das Haus ist modern. Wir wohnten damals Tür an Tür. Ein offenes Treppenhaus, von der Strasse und vom Hof aus ebenso einsehbar wie die grossen Wohnzimmerfenster und die Wohnungstüren. Neben meiner Wohnungstür das kleine Badezimmerfenster. Und gleich nebenan die Wohnungstür und das Badezimmerfenster meiner Nachbarin. Ich bin viel zu Hause. So sieht es aus. Fast jeden Tag. Damenjacken, Röcke, Schals und Blusen hängen an Kleiderbügeln vor meinem Badezimmerfenster und neben meiner Wohnungstür. Kleider zum Lüften aufgehängt. Schöne Kleider. Meine Nachbarin hat Geschmack. Und sie gibt gerne Geld aus für Kleider. Morgens, wenn ich meine Wohnung verlasse, sind sie schon da. Und abends, wenn ich von der Arbeit zurückkehre. Damenkleider. In meinem Kleiderschrank hängen keine Damenkleider. Es ist meine Nachbarin, die ihre Kleider an Haken neben meiner Wohnungstür und unter meinem Badezimmerfenster aufhängt. Es wirkt so, als würde sie ihre Kleider neben meiner Wohnungstür ausstellen. Zuerst hatte mich das irritiert. Mit der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt. Ich wusste, meine Nachbarin Eliane könnte ihre Kleider genau so gut neben ihrer Wohnungstür aufhängen. Ich könnte eine Kleiderstange kaufen, sie neben ihrer Tür anbringen und die Kleiderbügel zu ihr hinübertragen. Mit der Zeit kannte ich Elianes Garderobe. Ihre Röcke und Pullover, ihre Blusen und Jacken, die Deux-Pièces und Hosen. Elianes Kleider, so bilde ich es mir ein, waren meine Diebstahlversicherung. Hier ist jemand zuhause. Oder: Hier kommt jemand gleich wieder zurück. Das schienen die Kleider zu sagen. Ich bilde es mir jedenfalls ein. Eliane hat mich nie gefragt, ob mich ihre Kleider an meiner Wohnungstür stören. Und ich habe mich nie bei ihr beschwert. Ich weiss nicht, ob die Kleider meiner Nachbarin vor meiner Wohnung etwas besagen wollten. Etwa eine gesuchte Nähe? Ich bin dieser Frage nicht nachgehen. Manchmal fotografierte ich Elianes Kleider. Eliane muss einen sehr geräumigen Kleiderschrank gehabt haben. Ich jedenfalls habe eine ganze Kollektion von Bildern beisammen. Es ist damals auch mehrmals passiert, dass ich gefragt wurde, ob ich Damenbesuch hätte.

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Elmex

Die Zahnpastatube steht auf dem Kopf. Und sie steht stets neben dem Zahnglas. So mag er es. „Das war schon immer so“, sagt Benny. Benny kann nicht erklären, weshalb er die Tube neben dem Zahnglas hinstellt. Alle zwei Wochen, wenn er am Montagabend von der Arbeit nach Hause kommt, steht die Tube im Zahnglas. Ya’ara, die Frau, die seit zwölf Jahren zweimal im Monat seine Wohnung putzt, war während seiner Abwesenheit wieder da. Sie reinigt das Waschbecken und stellt die Elmextube dorthin, wo sie ihrer Ansicht nach hin gehört. Immer. „Sie kann es nicht lassen, sie will mich umerziehen“, sagt Benny. Es ist ein besonderer Duft von Reinigungsmitteln, der ihn alle zwei Wochen begrüsst, wenn er die Wohnungstür öffnet. Würde dieser Duft fehlen, er würde Ya’aras Anwesenheit spätestens beim Betreten des Bads dennoch bemerken. Den Duschteppich legt sie anders hin, nicht längs sondern quer. Und die Zahnpasta kommt ins Glas. Selten kommt es vor, dass sich die beiden sehen. Etwa wenn er krank ist oder Ferien hat. Darüber gesprochen, dass sie es mit der Zahnpasta und mit dem Duschteppich unterschiedlich handhaben, haben sie noch nie. Benny hätte sie vor kurzem darauf aufmerksam machen können, dass er die Tube nicht im Glas mag. Aber sie weiss es nach zwölf Jahren ohnehin schon längst. Das weiss er. Seit zwölf Jahren schon.

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Namen merken

Sie wendet sich an die Klasse, eine der Studentinnen fällt ihr auf. Sie sieht älter aus als die anderen. Sie ist nicht modisch gekleidet, sie erinnert sie mit ihrem dunklen Haar, ihrem Hautteint und den braunen Augen an Menschen, die sie in Italien oder Portugal gesehen hat. Es ist ihr erster Tag als Lehrerin an diesem Gymnasium, sie kennt die Klasse noch nicht, eine Klassenliste liegt vor ihr, sie wird sich in den kommenden Tagen und Wochen die Namen merken müssen, was ihr nicht leicht fallen wird. Das weiss sie. Am einfachsten ist es, sich an auffälligen Äusserlichkeiten zu halten, sich so anhand von Merkmalen die Namen zu merken. Mal war es in einer anderen Klasse eine Rothaarige, mit der sie begonnen hatte, sich die Namen zu merken, ein anderes Mal eine besonders korpulente oder magere Studentin. Diesmal sollte es also diese dunkelhaarige sein, ein mediterraner Typ, wie sie fand, eine Gymnasiastin, die wahrscheinlich aus dem Ausland stammte, vielleicht erst spät Deutsch gelernt haben konnte. Einundzwanzig junge Frauen sassen ihr gegenüber. Alle Augen waren auf sie gerichtet, als sie mit dem Vorlesen der Namenliste begann. Bei jedem Namen streckte eine der Studentinnen die Hand auf und sagte „hier“ oder „ja“. Sie überflog beim Vorlesen die Liste und fand keinen, der portugiesisch oder italienisch klang. Als sie Landauer, rief, Annette Landauer, da streckte zu ihrer Verwunderung die Studentin auf, deren Namen sie sich heute merken wollte. In der Pause nach der ersten Doppelstunde kam sie ihr im Gang entgegen und fragte sie, von wo kommen Sie. Von hier, lautete die Antwort. Sie sind älter als die anderen, nicht wahr? Ja, das stimmt. Und sie kommen gar nicht von anderswoher? Ich habe eine längere Zeit nicht hier gelebt, es stimmt, sagte die dunkelhaarige Studentin, ohne auf die Frage näher einzugehen. Sie kommt von hier bestätigte auch die Rektorin. In den Akten des Schulsekretariats fanden sich keine Angaben, die ihr hätten weiterhelfen können. Die Studentin, die drei Jahre älter war als die anderen dieses Jahrgangs, blieb ein Rätsel. Es gab kein spezielles modisches Detail, das zu ihr gehörte, sie blieb ernst, wirkte manchmal vielleicht etwas traurig. Sie hatte keinen fremdländischen Akzent, sie fiel durch nichts anderes auf als durch ihren Hautteint, ihre braunen Augen, ihr Alter und ihre ernste Miene. Bitte fragen Sie nicht weiter nach, sagte Anette Landauer eines Tages der Lehrerin und reagierte so auf Fragen, die die Lehrerin anderen Studentinnen gestellt hatte. Lassen Sie sie, sagte auch die Rektorin etwas später. So war sie auf Vermutungen angewiesen, dachte an eine Adoption, an eine Zeit in einem Heim, auch an einen Elternteil im Mittelmeerraum an einen längeren Aufenthalt im Süden, an eine Krankheit, an einen Sanatoriumsaufenthalt. Annette Landauer blieb ein Geheimnis. Und die Lehrerin konnte es sich selbst nicht erklären, weshalb gerade diese Schülerin sie auch dann noch so sehr beschäftigte, als sie die Namen aller Studentinnen kannte.

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Gepackte Koffer

Die beiden Koffer lagen unter ihren Betten. Zwei gepackte Koffer, in denen noch Platz für all das vorhanden war, das sie in letzter Minute einpacken würden. Eines Tages würden sie vielleicht fliehen müssen. Oder man würde sie abholen kommen. Sie hatten von Freunden gehört, an deren Wohnungstür nachts oder im Morgengrauen Uniformierte geläutet hatten. Freunde, die dann nach Osten abtransportiert wurden. Die beiden wollten bereit sein. Die beiden Koffer durften nicht zu gross sein, sie müssten sie tragen können. Die Waschsachen würden sie zuletzt einpacken. Warme Kleider, andere Kleider für warme Tage und Schuhe lagen in den beiden Koffern bereit. Die Mäntel würden sie anziehen. In ihrem Koffer lagen zwei Familienalben, in seinem lag in den Schuhen und Socken verborgen ihr Schmuck. Drei Bücher hatte sie auch noch eingepackt. Die Urkunden und Ausweise waren seine Sache, in ihrer Unterwäsche waren Geldnoten versteckt und persönliche Andenken, Glückwunschkarten zu ihrem sechzigsten Geburtstag, die ihre Kinder ihnen geschrieben hatte. Sie würden fast alles zurücklassen, das wussten sie. Ihr Hund musste vor einem halben Jahr eingeschläfert werden. Ihn hätten sie auf die Reise ins Ungewisse nicht mitnehmen können. Sie hätte gerne ihr Kopfkissen mitgenommen. Aber dafür reichte der Platz in ihrem Koffer nicht aus. Das Tafelsilber, ein Hochzeitsgeschenk, das seit bald vierzig Jahren ihr Eigentum war, würden sie ebenso wie das ganze Mobiliar zurücklassen müssen. Die Schlüssel seines Sekretärs lagen im Koffer, vielleicht würden sie doch eines Tages zurückkommen. Sie waren vorbereitet. Das Fehlende würden sie innerhalb weniger Minuten noch einpacken können. Als die Uniformierten dann morgens um vier sie aus den Betten holten, mussten sie in aller Eile Schuhe und Mäntel anziehen, die Waschsachen landeten in ihren Koffern, dann wurden sie in den vor dem Haus bereitstehenden Lastwagen gezwungen. Die beiden Koffer mussten sie neben dem Laster hinstellen. Noch wussten sie nicht, dass die Uniformierten die Koffer nicht aufladen würden.

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In der Limousine

Grossvater hatte ein ganz besonderes Auto, einen hellbraunen amerikanischen Ford mit mächtigem Kühlergrill in glänzendem Chrom. Wie stolz ich als Kind doch auf Grossvaters Auto war. Keiner in meiner Klasse, der in einem solchen Auto vorne neben dem Fahrer sitzen durfte! Pick-ups heissen diese Lieferfahrzeuge mit offener Ladebrücke und einer grossen Fahrerkabine. Ich sitze neben Grossvater, er ist unterwegs mit Sukkulenten vom Treibhaus zu einem grossen Hotel, wo er den Hofgarten gestaltet. Wir fahren am Meer entlang, rechts die Sanddünen und vor uns das schwarze Band der Küstenstrasse.

Grossvater hat vor Jahren seine Zahnarztpraxis aufgegeben, er wollte nicht mehr in fremden Mündern wühlen. Ein Jahr lang hat er in einer Grossgärtnerei ausgeholfen, Botanik hatte ihn immer schon interessiert. Grossvater ist Besitzer einer Spezialgärtnerei, Grossvater als Herr über mehrere eigene Treibhäuser, Grossvater als Spezialist für Sukkulenten hat mit über 60 sein Leben neu gestaltet.

Wir fahren nach Norden, auf der offenen Ladefläche die Kakteen, die er alle mit Namen und Herkunftsland benennen kann. Es ist ein heisser Sommertag, die Dünen und das grelle Sonnenlicht blenden mich, ich bin schläfrig, es ist die Zeit der langen Schulferien, in der ich Grossvater in seiner Gärtnerei aushelfe. Ich drücke auf den geheimen Knopf am Armaturenbrett, Grossvater kennt die Funktion dieses Knopfes nicht, langsam steigen jetzt die Standarten der USA auf beiden Kotflügeln in die Höhe. Grossvaters Lieferwagen verwandelt sich in eine schwarze Staatslimousine, rechts und links wehen der Sternenbanner im Fahrtwind. Hinter uns rollen zwei schwarze Motorräder mit uniformierten Leibbwächtern. Wir fahren langsam durch das Ortszentrum, so langsam wie Diplomatenlimousinen eben immer fahren. Grossvater zieht an seiner Zigarre, beim Fahren spricht er nie. Bei der Einfahrt zum Grand Hotel Plaza drücke ich wieder auf den Knopf, um die Standarten einzuholen. „Du musst nicht dauernd mit dem Feueranzünder spielen“, sagt Grossvater. Hinter uns fährt jetzt niemand mehr, die Motorradfahrer sind verschwunden. „Zuerst kommen die kleinen Töpfe dran“, sagt Grossvater, der den Pick-up beim Lieferanteneingang angehalten hat.

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