Ne pas toucher

Zunächst hat sie nicht verstehen können, weshalb sie seit einiger Zeit weniger deutsche und englische Zeitungen verkaufen kann, wo sich doch nicht weniger Touristen am Ort aufhalten als früher. Aber dann hat ihr ihre Tochter am iPad gezeigt, dass man heute in den Ferien für eine ausländische Zeitung nicht mehr zum Zeitungsladen gehen muss. Ein zugezogener Deutscher, der früher stets am Dienstag die verspätet eintreffende „Süddeutsche Zeitung“ vom Wochenende geholt hatte, hat vor einem halben Jahr damit aufgehört. Aus Sympathie mit Madame Lavalle schaut er dennoch jede Woche bei ihr vorbei, um sich am Samstag Le Monde Weekend zu kaufen. Ein englischer Nachbar, auch er seit bald zwanzig Jahren am Ort ansässig, tut es ihm seit kurzem gleich, denn seine wöchentliche Ration „Economist“ liegt in seinem iPad Tage früher als im Zeitschriftengestell. Liegt es auch am Internet, dass die Kunden heute mehr als früher in den Zeitschriften blättern? Sie weiss es nicht. Aber sie ärgert sich heute mehr als früher über die vielen Leute, die die Zeitschriften aus den Gestellen herausnehmen, zu blättern beginnen, um dann die Zeitschrift wieder am falschen Ort zurückzulegen und doch nicht zu kaufen. Früher hätten die Kunden bessere Manieren gehabt, sagt sie. Und früher sei das Geschäft auch besser gewesen. Seitdem das Bistro im Nebenhaus nicht mehr drei sondern bloss noch ein Exemplar vom Figaro und ein Exemplar von La Provence bezieht, ärgert sie sich noch mehr über das Internet, auch wenn sie im Laden einen Laptop stehen hat, mit dem sie ihre Warenbestellungen ausführt. Als sie vor kurzem wieder eine zerfledderte Ausgabe von „Marianne“ im Gestell fand, hat sie auf einem grossen Briefumschlag jenen unfreundlichen Satz mit einem dicken Flizstift geschrieben, den ihr mehrere Kunden so übel nehmen, dass sie neuerdings ins Nachbardorf fahren, um sich ihre „Marianne“, „L’Express“ oder den „Nouvel Observateur“ anzuschauen und manchmal auch zu kaufen.

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Eine Antwort auf Ne pas toucher

  1. Peter sagt:

    sehr schön, Monsieur Michel, wie Sie Ihr Erlebnis im Maison de la Presse der Madame J. verarbeitet haben !

    un bon dimanche! Peter

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