Fragen

TrainingMutter, du solltest dich von deinem Arzt untersuchen lassen, meinte Rolf, als Esther ihm erzählte, dass sie eine Verabredung bei ihrer Podologin schlicht vergessen hätte. Es war nicht das erste Mal in letzter Zeit, dass seine Mutter sich so vergesslich zeigte. Einige Wochen zuvor war sie mit ihm im Theaterrestaurant gewesen, wo sie eine langjährige frühere Kollegin, die am Nebentisch sass, nicht spontan wiedererkannte. Dann war da die peinliche Sache mit ihrem Schmuck. Die beiden Ringe und den Armreif hatte sie nicht finden können. Ich weiss nicht, wo ich meinen Schmuck hingelegt habe, sagte sie ihrem Sohn am Telefon. Erst am nächsten Morgen war ihr eingefallen, dass sie ihren Schmuck im kleinen Wertsachenfach im Hallenschwimmbad hatte liegen lassen. Wie hatte sie das bloss vergessen können?! Du solltest dich zum Gedächtnistraining anmelden, meinte ihr Sohn am Telefon. Sie wusste, dass bei diesen Trainings an der Volkshochschule ältere Menschen mit Memoryspielen, mit Zahlenreihen, Nacherzählungen und mit lästigen Quizfragen beschäftigt werden. Und dazu hatte sie wirklich keinerei Lust. Sie würde sich vor den anderen nur blamieren, davon war sie überzeugt. Dass etwas später gleich zwei eingeschriebene Mahnungen mit der Post eintrafen, weil sie schon wieder vergessen hatte, Rechnungen zu bezahlen, mochte sie ihrem Sohn nicht auch noch erzählen. Nach einigem Zögern meldete sie sich bei ihrem Hausarzt an, der sie an einen Neurologen überwies. Alles im Bereich des Altersüblichen, kein Grund zur Beunruhigung, lautete der Bescheid des Facharztes nach einer längeren Untersuchung. Es gibt Tage, an denen man vergesslich ist, sagte sie ihrem Sohn. Und sie schilderte ihm den Druck am Arbeitsplatz, der ihr mehr als früher zu schaffen machte. Als ihr Sohn einige Wochen später nach einem dreiwöchigen Urlaub in Marokko wieder zuhause war, da stellte sich heraus, dass er seine Kreditkarte, das Jahresabo der Bahn, die Mitgliedkarte des Fitnessklubs sowie die Jahreskarte des Hallenschwimmbads, die er zuhause gelassen hatte, trotz intensiver Suche nirgendwo in seiner Wohnung finden konnte. Stunden vor dem Abflug nach Marokko hatte er die Ausweise in einen Briefumschlag gesteckt und in seiner kleinen Wohnung versteckt. Daran konnte er sich noch ganz genau erinnern. Aber wo bloss hatte er den Umschlag versteckt? Sie wollte ihm helfen und stellte ihm Fragen: Vielleicht im Gefrierfach? In einem ganz bestimmten Buch im Bücherregal? Unter den Teesäckchen in der Teedose? Er winkte ab, er hatte schon überall gesucht. Im Gefrierfach, in seinen Lieblingsbüchern, in der Teedose, unter dem Stretchleintuch, im Kopfkissenbezug. Alle Hemden hatte er aus dem Kleiderschrank herausgeholt. Vergebens. Ihm fiel nicht mehr ein, wo der Umschlag mit den Ausweisen sein könnte. Den Geschirrschrank hatte er schon zweimal ausgeräumt, unter den beiden Berberteppichen war das Couvert ebensowenig zu finden. Lass’ mich suchen, sagte Esther ihrem Sohn, der seine Ausweise auch zwei Wochen nach seiner Rückkehr immer noch nicht gefunden hatte. Und auch nachdem er sich neue Ausweise hatte ausstellen lassen, wollte es ihm nicht in den Sinn kommen, wo er das Couvert versteckt hatte. Die Ausweise gestohlen hatte niemand, das war klar, weil in den Wochen seit seiner Reise auf dem Konto seiner Mastercard keine Bewegungen vermerkt waren. Jetzt war sie es, die den Satz sagte: Du solltest dich vielleicht von deinem Arzt untersuchen lassen. Nur widerwillig und ohne es seiner Mutter zu sagen, suchte er einen Neurologen auf, dessen Assistentin ihn im Rahmen einer Testfolge zunächst bat, das Alphabet rückwärts aufzusagen, was ihm ohne Mühe gelang. Anschliessend musste er sich merken, was auf der Fotografie eines Schaufensters zu sehen ist, um die Gegenstände aus dem Schaufenster mit geschlossenen Augen auswendig aufzuzählen. Und dann musste er eine Menge von Fragen beantworten: Was versteht man unter dem „Prager Frühling“?; Im April welchen Jahres kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl zu einem folgenschweren Unfall?; Wofür steht der Ausdruck „Vormärz“?; Aus welchem Land stammt die Ostermarschbewegung, deren Teilnehmer etwa seit 1960 alljährlich für Abrüstung und eine friedliche Welt demonstrieren?; Was versteht man unter dem Begriff „Sommerloch“?; Welcher Tag ging als „Schwarzer Freitag“ in die Geschichte ein – als der Tag, an dem der Zusammenbruch der Börsenkurse in New York den Anfang der weltweiten Wirtschaftskrise signalisierte?; In welchem Jahr fand die Oktoberrevolution in Russland statt?; Wer erreichte am 14. Dezember 1911 als erster Mensch den Südpol? Vierzig Fragen waren es, die er nacheinander und recht schnell beantworten musste. In einem letzten Test musste er sich möglichst viele Namen aus einer Liste merken. Dreizehn Namen wies die Liste auf, drei konnte er sich merken, nicht mehr. Als er am Schluss der Testserie wieder dem Neurologen gegenüber sass, empfahl ihm dieser einen Gedächtnistrainingkurs mit zehn Lektionen in einer Gruppe. Nein, Sie müssen keine Angst haben, sagte ihm der Arzt, die anderen Teilnehmer werden keine Senioren sein. Seine Kreditkarte und die anderen Ausweise hat er allerdings auch nach den zehn Lektionen nicht mehr wiedergefunden.

 

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