Reserviert

Please waitNachdem die Putzequipe das Lokal verlässt, kommen die Kellner. Die Köche sind dann schon längst an der Arbeit. Die Tische werden schon früh für das Mittagessen gedeckt. Weisse Tischtücher und Servietten, zwei Messer, zwei Gabeln und grosse Dessertlöffel, Weingläser und Wassergläser. Und überall noch die visitenkartengrossen kleinen Aufsteller mit der Aufschrift „Reserviert“. „Bitte warten, Sie werden an Ihren Tisch begleitet – Please wait until you’ll be seated“, steht an der Eingangstür des Restaurants. Und etwas weiter hinten ist ein Stehtisch, an dem der Chef de Service wartet und in einem dicken Journal die Namen der ankommenden Gäste mit der Reservationsliste vergleicht. Auch heute sind längst nicht alle Tische reserviert. Aber das müssen die Gäste nicht wissen. „Tut mir leid, wir sind ausgebucht“, sagt der Chef de Service den zwei Männern, die sich gerne an einen Tisch setzen möchten. „Aber da sind noch eine ganze Menge unbesetzte Tische“, sagt der eine Mann. „Fully booked, so sorry“, sagt der Mann hinter dem Stehtisch. Und wohl um seine Weltgewandtheit zu zeigen, fügt er spitz an „Désolé messieurs“. Ihm passen die beiden Männer nicht. Der eine hat eine helle Windjacke über den etwas altmodisch wirkenden Sakko angezogen, der andere trägt eine etwas billig aussehende Lederjacke. Die beiden passen ihm nicht, sie passen nicht zu den anderen Gästen, findet er. Er hat vergessen, dass er die beiden Männer bereits vorgestern abgewiesen hat. Es kommen einfach zu viele Menschen hier vorbei, er kann sich nicht alle Gesichter merken. Sie aber wissen genau, dass er sie schon vorgestern hat auflaufen lassen. Heute werden sie sich das nicht gefallen lassen, weshalb sie einfach am Chef de Service vorgehen und sich an einen der freien Tische hinsetzen und den Zettel mit dem Aufdruck „Reserviert“ vom Tisch wegnehmen und der etwas älter wirkende Herr mit der Lederjacke in eine seiner Jackentaschen einsteckt. „Wir können Sie leider nicht bedienen, der Tisch ist reserviert“, sagt ihnen ein Kellner, den der Chef de Service zu ihnen geschickt hat. Sie sind bereit, sich an einen anderen Tisch zu setzen. Sie seien flexibel, sagt der Mann in der hellen Windjacke. Sie bleiben sitzen und warten auf die Gäste, die angeblich ihren Tisch reserviert haben. Doch es kommt keiner. Auch kommt kein Kellner mehr zu ihnen. Der Lederjackenmann steht auf und holt sich vom Buffet zwei Speisekarten. Und weil kein Kellner zu ihnen kommt, um ihre Bestellungen aufzunehmen, steht der Windjackenmann auf und ruft laut, so laut, dass es alle im Lokal hören: „Zwei Mal Weizenbier, zwei gemischte Salate, zwei Beefsteak Tartar scharf mit Cognac“. Und weil kein Kellner Anstalten macht, um ihre Bestellung aufzunehmen, wiederholt er ihre Bestellung nach wenigen Minuten nochmals und nochmals und wieder, worauf eine Unruhe unter den Gästen entsteht und mehrere Gäste beim Chef de Service es durchsetzten, dass die beiden Männer dann doch noch bedient werden. Sie werden wortlos bedient. Sie essen sich durch vom Salat über das Hauptgericht bis hin zum Dessert. Und als sie die Rechnung verlangen, kommt einer der Kellner zu ihnen und teilt ihnen mit, dass ein Herr an einem der Nebentische ihre Rechnung beglichen habe. Bedanken können sie sich nicht, denn der Herr ist schon längst weg. Sie werden wieder kommen, sagen die beiden dem Kellner. Sie werden es tun. Und sie werden nicht minder laut sein, sollten sie wieder abgewiesen werden.

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