Im Val Müstair

Val MüstairSpätestens dann wenn der Walensee zu sehen ist, beginnen für die beiden aus Tel Aviv die Ferien. Sie sitzen jedes Jahr in Fahrtrichtung links und sie wissen mittlerweile, dass die hohen Berge auf der anderen Seeseite Churfirsten heissen. Viermal müssen sie wieder umsteigen, was sie aber nicht stört. Ganz im Gegenteil. So kommt nämlich Feriengefühl erst recht auf. Bis Landquart sitzen sie im Oberdeck. Der Zug müsste für sie gar nicht so schnell fahren, so sehr lieben sie diese Berge. Früher sind sie alle zwei Jahre ins Oberengadin gefahren. Aber irgendwann fanden sie das Engadin zu touristisch, zu mondän. Und auch zu teuer. Wie gemächlich diese Fahrt mit der roten Schmalspurbahn ist. Dass manche Passagiere bei diesen Ausblicken lesen können, verstehen sie nicht, werden sie nie verstehen können, wo es hier stets so viel zu sehen gibt. Jedesmal staunen sie über das viele Grün, über die Wälder, über die Wasserfälle. Bei ihnen zuhause sind die Felder im Juni schon gelb. Wie sie die Kurven lieben, die der langsame Zug nimmt. Sie sitzen im hintersten Wagen und sehen immer wieder die Lok ganz vorne in der Kurve. Wie sie beim ersten Mal gestaunt haben, als über Lautsprecher eine Hostess angekündigt wurde, die mit einem Korb mit Prospekten und einem Holzbrett, auf dem Wurstscheiben lagen, vorbeikam. Schweizer Schokolade oder Käse hätten sie gerne genommen. Aber doch kein Fleisch. Denn man weiss nie, ob diese Wurst aus Schweinefleisch hergestellt wird. Beim letzten Mal haben sie eine arabische Familie im Zug beobachten können, die ebenso misstrauisch die Wurstscheiben angeschaut hat.

An einem Bahnhalt, zu dem kein Dorf zu gehören scheint, steigen sie wieder um, um am Schluss jene Fahrt im gelben Bus zu machen, von der sie zuhause allen Freunden schon geschwärmt haben. Wie dieser Bergpass täuscht: Nach einer Steigung geht es hinunter. Wer zum ersten Mal mit dem gelben Bus unterwegs ist, meint, jetzt sei die Passfahrt fast vorbei, um dann darüber zu staunen, dass es nochmals tüchtig hinauf geht. Perfekt ist die Fahrt erst dann, wenn der Buschauffeur auf dem Weg von der Passhöhe ins Tal hinunter bei einer Haarnadelkurve das Tüta ertönen lässt. Einmal haben sie den Chauffeur sogar darum gebeten.

Sie haben in Tel Aviv Freunde, die nicht verstehen können, dass sie in diesem ruhigen Tal, in dem es kein Kino, kein Casino und kein Grand Hotel gibt, zwei Wochen verbringen können. Sie aber lieben gerade diese Ruhe. „Was brauchen wir mehr als tagsüber eine Busverbindung, die jede Stunde alle Dörfer des Tals bedient?“, sagt Dan. Sie haben ihre Rituale: Zum ersten Tag gehört der Spaziergang am Bach entlang von Sta Maria nach Müstair. Die Damen am Empfang im Kloster und die Verkäuferin im Käseladen in Müstair erkennen die beiden nach zwei Jahren wieder. „So etwas ist uns woanders noch nie passiert“, sagen sie. Eine Wanderung zum Pass Umbrail und eine weitere zum Lai da Rims stehen regelmässig auf dem Programm. Andere Wanderer begrüssen die beiden mit bun di und allegra. Und sie mögen die Ausdrücke grazia fich und ai revair besonders. Jedes Jahr mieten sie Räder und begeben sich auf einen zwei- bis dreitägigen Ausflug bis nach Meran oder Bozen. Auf die Idee, im Tal Fahrräder zu mieten, sind sie auf eine seltsame Weise gekommen. Vom Postbus aus hatten sie die Tafel einer Radvermietung an der Strasse gesehen, die den ihnen vertrauten Namen Zion trug. Dass der Vermieter überhaupt kein Jude war, mit dem Heiligen Land auch gar nichts zu tun hatte, spielte dann keine Rolle. „Stellt euch vor, da hat einer eine Fahrradvermietung und ein Reisebüro, er nennt seine Firma Zion und ist kein Jude“, haben sie zuhause Freunden erzählt. „Wie kann jemand freiwillig seine Firma Zion nennen, wo die ganze Welt die Juden nicht mag“. Sie werden in diesem Sommer wiederkommen. Und sie werden feststellen, dass die Fahrradvermietung ihren Namen nicht verändert hat. Das kleine Museum in der Mitte des Tals, auf das ein Freund vor der letzten Reise in die Schweiz aufmerksam gemacht hat, werden sie auch dieses Jahr im August besuchen. Vor einem Jahr haben sie dort Konzerte gehört, an drei Abenden hintereinander, Musik von einem Komponisten, dessen Namen sie nicht einmal kannten. „Wunderbar, unvergessliche Musik“, sagt Noemi.

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