Japanmesser

„Sie haben immer so schöne Blumen in ihrem Zimmer, Frau Buchmann“, sagt die Hausangestellte, die den Boden feucht aufnimmt, den Papierkorb leert und mit dem feuchten Lappen den Tisch wischt, um sich dann im Badezimmer ans Putzen und Aufräumen zu machen. „Sie haben immer die schönsten Blumen im Haus“, sagt sie und schliesst die Tür von Zimmer 312 hinter sich zu, nicht ohne sich vorher verabschiedet und einen schönen Abend gewünscht zu haben. Frau Buchmann hat wirklich die schönsten Blumen im ganzen Haus. Alle zehn Tage etwa, wenn die Blumen in ihrem Zimmer wieder verblüht sind, verlässt sie das Altersheim, meldet sich beim Empfang ab, um einen längeren Spaziergang zu unternehmen, von dem sie stets zufrieden zurückkehrt. Sie macht sich auf zur Stadtgärtnerei und ihren Schauhäusern, betritt dort die beiden Gewächshäuser, sie trägt eine rot-weisse Plastiktüte einer Buchhandlung mit der Aufschrift „Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt“ und geht langsam durch das feuchtwarme Tropenhaus. Sie riecht an dieser Blume und schaut sich jene genau an, sie spricht zu den Pflanzen, berührt sie liebevoll, streichelt manche Blüten. Und wenn kein anderer Besucher und kein Angestellter der Stadtgärtnerei in der Nähe ist, dann holt sie das Japanmesser aus der Manteltasche hervor und sticht zu, schneidet eine Orchidee und mehrere Flamingoblumen ab, die sie in dem rot-weissen Plastiksack verschwinden lässt. Diesmal ist’s eine Zierananas, die sie samt Stil geköpft hat. Kein Besucher in der Stadtgärtnerei und kein Gärtner würde je auf die Idee kommen, dass die über 80jährige weisshaarige Frau, die langsam durch das Gewächshaus geht, sich alle zehn Tage bis zwei Wochen in den Gewächshäusern der Stadtgärtnerei Blumen für das Zimmer 312 im städtischen Altersheim besorgt.

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Eine Antwort auf Japanmesser

  1. Regula Ehrliholzer sagt:

    Würde die Buchhändlerin diesen Text lesen, sie würde sich vielleicht denken, ‘recht hat sie, die Frau Buchmann. Und die Gartenpflege ist nun mal die Geburtsstunde des Humanismus!’ Wer noch gut zu Fuss ist, der sollte tatsächlich mit einer Schere oder einem Messer die Stadtgärtnerei heimsuchen, nicht nur sein Zimmer mit den Blumen ausstatten, sondern auch die traurigen Gewächse in der Cafeteria der Alters- und Pflegeheime ersetzen. Ich kann kein Bild hier anfügen, aber man stelle sich einen kleinen weissen Topf vor, darin ein blässlichblaues Primeli. Vielleicht zehn Zentimeter hoch ein jedes. Auf jedem Tisch eines. In der Mitte hingestellt auf eine dieser reissfesten Papierservietten, in die Mitte der noch sichtbaren Falzungen, welche das weinrot-gelbe Muster in der Art einer Conforama-Bettdeckengarnitur aus den achtziger Jahren durchbrechen.

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